Saatgut im Eis – Was wir davon haben

1200 Kilometer vom Nordpol entfernt, in einem riesigen Tresor in der Eiswüste von Spitzbergen, lagern mehr als 550 Millionen Samen von Nutzpflanzen. Warum ist Saatgut so schützenswert und was genau hat es auf sich mit dieser Schatzkammer im Eis?

von Lena Kaul

Ohne Pflanzen wäre Leben kaum vorstellbar. Über 80 Prozent der Nutzpflanzen entstehen jährlich durch die Aussaat von Samen. Das Saatgut* von Kulturpflanzen und das Wissen darüber hat somit eine immense Bedeutung für die Weltwirtschaft.

Wer schon einmal alte Obstsorten probiert hat, der weiß, wie wertvoll diese sind – schon allein aufgrund des Geschmacks. Die Apfelsorten beispielsweise, die heute im Supermarkt angeboten werden, gehen fast alle auf sechs ursprüngliche Sorten zurück. Dabei existieren insgesamt etwa 5000 Apfelsorten allein im deutschsprachigen Raum. Alte Sorten wurden verdrängt, weil sie wichtigen Anforderungen im Supermarkt nicht oder kaum genügen: Einheitlichkeit in Form und Größe sowie Transportfähigkeit. Damit geht nicht nur die Vielfalt an Geschmacksrichtungen und Nutzungsmöglichkeiten verloren, sondern auch Kulturgut. Denn der Großteil der heute vorhandenen Arten ist durch stetige Auslese und Weiterentwicklung in der landwirtschaftlichen Produktion entstanden. Damit ist auch viel Wissen, beispielsweise über den Anbau, verbunden. Die Äpfel sind an dieser Stelle nur ein Beispiel.

Darüber hinaus stellt die Artenvielfalt eine bedeutsame Ressource für künftige Nutzungen dar. In Zeiten von Klimawandel und wachsender Weltbevölkerung ist eine hohe Artenvielfalt essenziell. Bei veränderten Rahmenbedingungen wie Klimaveränderungen oder auch einer gewandelten Nachfrage können sich Pflanzen leichter anpassen, wenn es mehr Arten gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei signifikanten Änderungen alle Arten einer sogenannten funktionellen Gruppe* aussterben, ist ebenfalls geringer. Biodiversität wirkt also im Fall von Störungen wie eine Versicherung für das Ökosystem – und damit für unsere Ernährung. Daher gilt es, diese Artenvielfalt zu schützen.

Im Fokus steht dabei vor allem dasjenige Saatgut und Pflanzgut*, das einen – aktuellen oder potenziellen – Wert für die Ernährung, die Landwirtschaft und das Forsten besitzt. In Fachkreisen spricht man hierbei von pflanzengenetischen Ressourcen. Ein großer Teil dieser Ressourcen ist aktuell bedroht oder bereits verloren gegangen. Viele Nutzpflanzenarten sind aber gleichzeitig noch gar nicht erfasst und beschrieben. Von allen bisher beschriebenen Nutzpflanzen werden nur circa fünf Prozent, nämlich etwa 20 000 Arten, durch den Menschen verwendet. Zur Erhaltung dieser Arten gibt es zahlreiche Strategien. Neben der In-situ-Erhaltung zählt dazu auch die sogenannte Ex-situ-Erhaltung, also die Erhaltung der biologischen Vielfalt außerhalb des natürlichen Lebensraums einer Art in nationalen und internationalen Genbanken. Dort wird Saatgut aufbewahrt und in der Regel auch daran geforscht. 2001 wurde das internationale Abkommen über pflanzengenetische Ressourcen (»International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture«, kurz »Plant Treaty«) verabschiedet. Mit Bezug auf dieses Abkommen initiierte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) 2019 beispielsweise das Projekt »Foundations for rebuilding seed systems post Cyclone Idai: Zimbabwe, Mozambique and Malawi«, das aufzeigt, wie sich der Schutz von lokalem Saatgut erfolgreich in Nothilfe-Strategien integrieren lässt – vor allem durch Kooperation nationaler und internationaler Genbanken.

Meist liegt der Fokus der Nothilfe in erster Linie darauf, Leben zu retten sowie Wasser, Nahrung und Unterkünfte bereitzustellen. Der Schutz von lokalem Saatgut spielt bisher kaum eine Rolle in nationalen Katastrophenplänen. Dabei ist dies längerfristig von immenser Bedeutung für Landwirt*innen und die lokale Bevölkerung. Als im Frühjahr 2019 die Wirbelstürme Idai und Kenneth im südlichen Afrika wüteten, verloren die Menschen dort kurz vor der Ernte ihr gesamtes Getreide sowie ihre Saatgutvorräte. Diese lokalen Reserven sind essenziell, denn das Saatgut passt sich über Jahrhunderte an lokale Gegebenheiten an. Für die Bäuer*innen ist das Saatgut also unerlässlich, um selbst Nahrung anpflanzen zu können und somit nicht von Lebensmittelspenden abhängig zu sein.

Weltweit gibt es circa 1700 Aufbewahrungsanlagen für Saatgut. Die größte Genbank in Deutschland befindet sich am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben. Sie gehört mit ihren 150 000 Samenproben auch zu den weltweit größten Genbanken. Die größte allerdings – und einzige ohne Forschungsauftrag – ist der Svalbard Global Seed Vault (zu Deutsch »Weltweiter Saatgut-Tresor auf Svalbard«) in der Nähe der norwegischen Stadt Longyearbyen auf der zur Inselgruppe Svalbard gehörenden Insel Spitzbergen. Der alleinige Zweck des Saatgut-Tresors ist die Aufbewahrung von Saatgut der wichtigsten Nutzpflanzen wie Reis, Mais, Weizen und Kartoffeln – eine Art »Arche Noah für Saatgut«, ein Backup für die nationalen Saatgutspeicher. Alle Genbanken weltweit können dort Duplikate ihres Saatgutes einlagern. Im Katastrophenfall – wie Krieg, Klimawandel oder Naturkatastrophen – soll so die Nachzucht und damit die Nahrungsmittelversorgung sichergestellt werden. Bis zu 4,5 Millionen Samenproben zu je 500 Samen können dort aufbewahrt werden. Aktuell sind insgesamt knapp 1,1 Millionen Samenproben von über 5000 Pflanzenarten aus 66 Ländern eingelagert. Diese genetische Vielfalt ist wertvoll für die Pflanzenzucht, aber auch für die biologische Grundlagenforschung.

Das Saatgut, das im Global Seed Vault lagert, kann nur von derjenigen Institution zurückgefordert werden, die es zuvor dort einlagern ließ. So forderte erstmals 2015 das International Center for Agricultural Research in the Dry Areas (ICARDA) Saatgut aus Spitzbergen zurück, da ihre eigene Genbank in Aleppo aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien Schaden genommen hatte. Die Bestände werden seither in Marokko und dem Libanon wieder neu aufgebaut*.

Der Saatgut-Tresor ist ein unterirdischer Bunker, bei dem von außen nur der Eingang sichtbar ist. Der Bunker selbst reicht etwa 120 Meter in den Permafrost-Felsen hinein. Im Inneren befinden sich drei Hallen, die jeweils etwas größer sind als ein Tennisplatz. Sie liegen aktuell 130 Meter über dem Meeresspiegel, sodass sie auch bei einem drastischen Meeresspiegelanstieg gesichert sind. Mit Beton und Stahltüren wurden sie außerdem so gebaut, dass sie sogar einem Atomkrieg oder Flugzeugabsturz standhalten würden. Die Temperatur liegt konstant bei –18 Grad Celsius. Auch wenn man denken könnte, dass es im Permafrost sowieso ziemlich kalt ist, ist hierfür eine Kühlung notwendig. Der Umfang der Sammlung wächst immer weiter, was die weltweite Sorge widerspiegelt, dass sich der Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt auf die Lebensmittelproduktion auswirken. Doch der Klimawandel ist auch ein Problem für den Saatgut-Tresor selbst. Ende 2016 begann der Permafrost-Boden um das Gebäude zu schmelzen und es drang Wasser in den Eingangsbereich ein. Daraufhin wurde der Tresor bis 2019 umfangreich umgebaut, damit die eingelagerten Samen auch weiterhin vor Wasser und zu hohen Temperaturen geschützt sind. Um die Verwaltung und die laufenden Kosten des Saatgut-Tresors kümmert sich vor allem die norwegische Regierung (Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung) und der Welttreuhandfond für Kulturpflanzenvielfalt Crop Trust (ehemals Global Crop Diversity Trust). Für den täglichen Betrieb, wie die Abstimmung mit Genbanken weltweit und die Saatguttransporte, ist das Nordic Genetic Resource Center (NordGen) verantwortlich.