Foto: Sergii Iarmoliuk / shutterstock.com
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Annegret Scheibe

‚Lie to Me‘ lautet der Titel einer der beliebtesten US-amerikanischen Kriminalserien, die zwischen 2009 und 2011 auf Fox TV ausgestrahlt wurde. Bereits mit dem als Appell formulierten Titel wird genau jene anthropologische Grundkonstante der menschlichen Lüge angesprochen, deren dahinterliegende Motive der Hauptermittler und sein Team mit Hilfe forensischer Methoden zu ergründen suchen. Nicht zuletzt, da ,Lie to Me‘ Wissenschaft zum Sujet erhebt, ist es interessant zu fragen, wie Methodeneinsatz und Wahrheitsansprüche im Genre erzählerisch entfaltet werden – auch und gerade vor dem Hintergrund von realhistorischen, gesellschaftspolitischen und medial vermittelten Skandalen und Traumata, auf welche die Serie durchgehend Bezug nimmt. 

Die ganze Aufmerksamkeit der Serie richtet sich auf Gesicht und Gesten. Herkömmliche Zeugenaussagen als auch materielle Spurensuche, wie sie in zahlreichen klassischen Forensikserien über CSI (CBS 2000-2015) oder Bones (Fox TV 2005-2017) nachgezeichnet werden, gelten in der Serie als obsolet. Dabei nimmt ‚Lie to Me‘ auch Bezug auf die Tradition des Profilers unter den ermittelnden Expertenfiguren, der neben der physischen Spurensuche den Verdächtigen auf den Leib rückt, indem er Motivlagen ergründet und den Kopf des Täters als Ort des Verbrechens abschreitet. Gerade auch deshalb ist in diesem Fall das Kriminalnarrativ weniger an der Frage nach dem WIE als nach dem WARUM des Verbrechens orientiert. 

Für das Grundprinzip der Serie ist somit weniger das rekursive Moment relevant, die Spurensuche in der Vergangenheit, Rekonstruktion dessen was sich zugetragen hat und Erklärung von Kausalitäten als vielmehr die Arbeit in der Gegenwart. Bemüht man Tzvetan Todorovs Typologie des Kriminalromans, der für die Unterscheidung von Erzählungen narrative Strukturen und ihren daraus resultierenden Vergangenheitsbezug zugrunde legt, lässt sich ‚Lie to Me‘ weniger der analytischen Detektivgeschichte zuordnen, wie sie seit Edgar Allen Poes Sherlock-Holmes-Figur als Repräsentation eines modernen und nachaufklärerischen Wissenschafts- und teleologischem Weltverständnis zu finden ist. 

Im Gegensatz zur analytischen Detektivgeschichte arbeiten sich an Spannung orientierte oder in der Tradition des Hardboiled-Detektivs stehende Erzählungen seit Autoren wie Dashiell Hammett (Sam Spade) und Raymond Chandler (Philip Marlowe) stärker in der Gegenwart ab, müssen weniger Rätsel der Vergangenheit lösen als vielmehr Schuld- bzw. Unschuldsbeweise im laufenden Geschehen erbringen; ihre Ermittlerfiguren sind selbst Rätsel und Bedrohung ausgeliefert. Neben deduktiver Logik und Schlussfolgerungen als Arbeitsweise des analytischen Detektivs braucht der zweite Typus vor allem Intuition und gute Reflexe. Die Beziehung des Detektivs zur erzählten Welt ist hier insgesamt stärker durch epistemologische Unsicherheiten geprägt und auch sein Umgang mit dem Recht ist daher skeptisch. Auch wenn also hier, vereinfacht gesprochen, die Frage nach dem Zustandekommen gesicherter Erkenntnis gleich mitgestellt wird, so gibt das Narrativ der Detektivgeschichte jedoch grundsätzlich immer schon vor, wie Sicherheit, Gewissheit und Fakten etabliert werden, welche Methoden zum Einsatz kommen und wie Wahrheitsansprüche geltend gemacht werden. Dieses Spannungsfeld ist für ‚Lie to Me‘ besonders interessant. 

Die Rahmenhandlung der Serie fußt auf gesellschaftspolitischen Skandalen aus dem kollektiven Gedächtnis des Zuschauers, die mediale Aufmerksamkeit erfahren und aus zahlreichen Gründen zu kontroversen Diskussionen beigetragen haben: unsichere Beweislagen, Glaubwürdigkeitsfragen von Prominenten und Politikern sowie der Rolle der medialen Berichterstattung selbst. So kommen immer wieder Szenen und Bilder von Gesichtsausdrücken und Körpersprache als illustratives Rahmenwerk und Beglaubigungsstrategien für die in der Serie verhandelten fiktiven Fälle zum Einsatz. Wiederkehrende Protagonisten sind hier etwa George W. Bush (Lüge über Massenvernichtungswaffen und Begründung des Irakkriegs), Bill Clinton (Affäre mit der Praktikantin des Weißen Hauses Monika Lewinsky) oder O.J. Simpson (öffentlicher Strafprozess). Die in der Serie verhandelten Fälle rekurrieren jedoch auch wiederholt auf das Amerika nach 9/11, etwa Folterskandale und Kriegseinsätze im Zuge der Afghanistan-Invasion. 

Die Binnenhandlung orientiert sich an der Arbeit der privaten Agentur von Dr. Cal Lightman, der sich als Psychologe und Täuschungsexperte auf die Untersuchung einer besonderen Form von Emotionsausdrücken, sogenannten Mikroexpressionen, spezialisiert hat und als eine Art menschlicher Lügendetektor fungiert. Die Lightman Group ist in der Serie für diverse Strafverfolgungsbehörden (v.a. das FBI) und das Department of Homeland Security im Einsatz; immer dann, wenn herkömmliche Wege bereits ausgeschöpft sind. Häufig handelt es sich um potenzielle politische oder gesellschaftliche Skandale, aber auch Fälle von Terror- und Anschlagsgefahr – allen gemeinsam die Tatsache, dass in der Gegenwart Schuld- und Unschuldsvermutungen aufzulösen sind, die für die unmittelbare Zukunft von Relevanz sind. 

Basis der Serie bildet die u.a. von dem amerikanischen Psychologen Silvan Tomkins entwickelte Affektlehre ab den 1960er Jahren (als Abkehr vom psychoanalytischen Modell von Trieb und Libido), die später von seinem Schüler Paul Ekman weiterentwickelt wurde. Ekman ist auch einer der ersten, der sich einer empirischen Überprüfung von Charles Darwins Evolutionstheorie verschreibt. Wie bereits Darwin geht Ekman in seiner Basisemotionslehre von globalen und universellen Gesichtsausdrücken aus (Ekman unterscheidet Freude, Traurigkeit, Ärger, Furcht, Ekel, Überraschung), für die er eine Skala zur Beschreibung (FACS = facial action coding system) liefert und Expressionen dafür auf die Kombination einzelner Muskelbewegungen, sogenannte action units, herunterbricht. Die Grundannahmen sind allerdings nicht unumstritten; im Allgemeinen, was die Vorstellung des Emotionsmodells für das Zustandekommen von Basisemotionen und auch ihre Universalität angeht, im Speziellen was die besondere Gewichtung und Aussagefähigkeit von Gesichtsausdrücken ausmacht.

Ekman dient in der Serie nicht nur für die fiktive Figur Lightman als Vorbild, sondern steht den Produzenten auch extensiv als wissenschaftlicher Berater zur Seite. Auch seine Skala kommt als Trainingstool im fiktiven Team um Lightman zum Einsatz. Ekmans Spezialisierung auf Gesichtsausdrücke innerhalb der Basisemotionstheorie liefert der Serie hier den besonderen erzählerischen Kniff. „The truth is written all over our faces“, lautet die etwas verkürzte Formel des angenommenen Funktionsmechanismus. Letzterer geht davon aus, dass Basisemotionen auf der Basis von Reflexen funktionieren und an einen Handlungsimpuls gekoppelt sind (z.B. Fluchtimpuls bei Gefahr). Im Zuge von Sozialisation und Anpassung ließen sich Ekman zufolge zwar unerwünschte oder verbotene Handlungen unterdrücken, nicht aber die zugrundeliegenden Emotionen. Mikroexpressionen verstehen sich also als kaschierte Emotionsausdrücke, die sich durch mediengestützte Erkennung von Gesichtsausdrücken und deren Operationalisierung auslesen lassen. Dieses Funktionsprinzip erkläre Ekman zufolge auch, warum es zwar kulturelle Unterschiede beim Zeigen von Gesichtsausdrücken gebe, die Basisemotionen aber als evolutionär und nicht als kulturell erworben verstanden werden. Die Idee vom Auslesen des Gesichts und zugehöriger Affekte, deren Erkennung und Simulation, ist auch zentraler Gegenstand des Forschungsgebiets des affective computing. Die Informatikerin Rosaline Picard fungierte 1997 als Namensgeberin und thematisierte als erste verschiedene Anwendungsfelder. Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Marie-Luise Angerer spricht in der Folge von „Affekt- und Psychotechnologien“, die Techniken zur Erfassung, Messung und Speicherung affektiver Zustände umfassen und damit Affektivität technisch begreifbar und gleichzeitig machbar werden lassen. Ekmans Skala dient als eine der Grundlagen für affective computing.

Grundsätzlich ist die Idee des „Lesens“ von Emotionen und Gesichtsausdrücken im forensischen Genre allerdings nicht neu. Für die Kriminologie ließe sich die Spur freilich noch weiter zurückverfolgen, etwa bis zum Arzt und Gerichtsmediziner und Begründer der Kriminalanthropologie Cesare Lambroso (1835-1909) oder dem in der Tradition der Psychophysiognomik stehende Philosoph und Schriftsteller Johann Caspar Lavater (1741-1801). Hinter diesen frühen und umstrittenen Verfahren der Typisierung, auf die hier nicht vertieft eingegangen werden kann, steht der Versuch, von der äußeren Gestalt und insbesondere Gesichtszügen auf seelische Eigenschaften zu schließen. Ronald Thomas zeichnet in seinem Band „Detective Fiction and the Rise of Forensic Science” (1999) den Zusammenhang zwischen der Entwicklung forensischer Wissenschaften im 19. Jahrhundert und der Entwicklung des Detektivgenres nach. Neben Fingerabdrücken gehören Profiling, Kriminalphotographie und Lügendetektoren zu den damals neuen Praktiken und Technologien, die als „devices of truth“ einerseits die Autorität des Detektivs unterstreichen und andererseits bekunden, was zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt juristisch als wahrheitsfähig angenommen wird und welche zeitgenössischen Regeln der Strafverfolgung gelten. Zentraler Untersuchungsgegenstand wird der Körper, der zu „lesen“ ist – besondere Befähigung des Ermittlers und Gerätschaften gehen eine untrennbare Einheit im Übersetzungsprozess ein.

Nun ruft das „Auslesen“ von Emotionen auf der Basis von Ekmans evolutionärer Emotionstheorie, wie sie in der Serie erzählt wird, eine Determinismus-Kritik auf den Plan. Diese wird auch im Rahmen der Surveillance-Studies diskutiert, welche sich mit den Konsequenzen für neue Formen der Sammlung, Verwendung und Vernetzung von Daten im 21. Jahrhundert beschäftigen und nach Bedingungen und Diskursen von Sicherheit, Überwachung und Kontrolle fragen. In ‚Lie to Me‘ geht die ie Interpretation bzw. algorithmische Verrechnung und „Übersetzung“ von Bildern von einer vermeintlichen Objektivität aus und trifft (affektive) Normierungen, die zum Mittelwert erhoben werden. 

Die Ermittlungsarbeit in der Serie geht immer wieder von der Feststellung von Grundemotionen aus, die als universell vor dem Hintergrund populärer medialer Bilder beglaubigt werden. Zentral ist jedoch die Ergründung von Motivlagen hinter den Emotionen, die Feststellung von Schuldfähigkeit als innere Verbrechensanteile (‚mens rea‘) und die Feststellung von Vorsätzlichkeit (‚evidence of intent‘) als zentrales Kriterium für Schuldfähigkeit im angloamerikanischen Rechtssystem. Nun verweisen die in der Serie immer wieder zitierten Bilder politischer Skandale nicht nur auf die Fragwürdigkeit von Rechtspraktiken, sondern auch mitten in das US-amerikanische Trauma verletzter Rechtsstaatlichkeit. So geht es bei der Falllösung häufig auch explizit um kollektive Schuldfragen und Wiedergutmachung. Die gezeigten Bilder dokumentieren einerseits (mediale) Verfügbarkeit und halten andererseits das Unvermeidbare präsent. Sie sind damit Teil eines Machtkomplexes, den der Soziologe David Lyon im Rahmen des Überwachungsdiskurses als funktionale Ambiguität, als furchterregend und beruhigend gleichermaßen beschrieben hat.  

‚Lie to Me‘ spielt mit der Präsenz der medialen Bilder aus politischen Skandalen, hält kritische Anfragen an Methoden der Strafverfolgung präsent und wirft diesbezüglich epistemologische Fragen auf. Wahrheitsfähigkeit ist weniger eine Angelegenheit rechtsstaatlicher Systeme, sondern funktioniert über das Vertrauen in vermeintliche Biologismen und anthropologische Konstanten und das methodische Vorgehen, diese zu „lesen“. Nicht zuletzt darin besteht auch der erzählerische Clou am Ende: Für Lightman als genialen Ermittler mit notwendigem Spürsinn wird die Technik zur „Wahrheitsfindung“ (wieder) entbehrlich.

Annegret Scheibe

studierte Psychologie, Literatur- und Medienwissenschaft in Heidelberg und Karlsruhe. Sie arbeitete und lehrte am KIT im Teilinstitut für Wissenschaftskommunikation des ITZ. Sie ist Doktorandin an der Uni Siegen. In ihrer Dissertation stellt die unter anderem die Frage, wie Evidenz und Spurensuche in Forensikserien mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen zusammenhängen. 

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