Foto: Joshua Wenglein

In ganz London und darüber hinaus kennt man die Aufforderung „Mind the gap“. Man sagt uns also, wir sollen nicht in die Lücke zwischen U-Bahn-Wagen und Bahnsteig geraten, egal ob beim Ein- oder Aussteigen. Doch seit wann gibt es diese Aussage, was ist die Geschichte dahinter? Und was sollten wir noch über die Londoner U-Bahn wissen? Eine Fahrt mit der ältesten U-Bahn der Welt.

von Joshua Wenglein

Embankment

„Mind the gap“ tönt es über den Bahnsteig. Gerade ist ein Zug der Bakerloo-Line in die Station Embankment eingefahren. Hunderte Passagiere steigen ein und aus, alle mit unterschiedlichen Zielen. Von hier kann man zu drei anderen U-Bahn-Linien, den Zügen ab Charing-Cross und den Themse-Fähren wechseln oder sich zu Fuß auf den Weg zur Parade der königlichen Horse Guards oder den Regierungsgebäuden im Viertel machen. Aber egal welches Ziel jeder Einzelne vor Augen hat, so lohnt es sich doch für Groß und Klein, Jung und Alt, Touristen und Londoner, kurz den Blick auf den Boden zu werfen, und der Aufforderung nachzukommen.
Man könnte das mit „Achten Sie auf die Lücke“ übersetzen. Welche Lücke denn? Eben jene zwischen den Türschwellen der U-Bahn-Wagen und dem Bahnsteig. Mal ist sie da, mal nicht. Manchmal groß, manchmal klein. Das kommt immer darauf an. „Worauf denn?“ wird sich der ein oder andere jetzt fragen. Dazu werfen wir einen Blick auf die Geschichte der Londoner U-Bahn.

Wir steigen also in den nächsten eingefahrenen Zug – ohne in die Lücke zu fallen – und fahren nach Norden zur Baker Street. Hier, am angeblichen Wohnort von Sherlock Holmes, fährt auch Londons allererste U-Bahn-Linie: Die Metropolitan-Line.

Baker Street
Im Jahr 1843 teilten sich Pferdefuhrwerke und -bahnen Londons Straßen mit den Fußgängern. Doch es wurde eng –  zu eng für alle Beteiligten. Der Anwalt Richard Pearson hatte die Vision von unterirdischen Eisenbahnen, die in großen, gut belüfteten Hallen die Stadt unterqueren, um die Arbeiter einfacher ins Zentrum zu bringen. Nach 14-jähriger Investorensuche konnte endlich mit dem Bau begonnen werden.
Man riss Straßen auf, hob tiefe Gräben aus, befestigte diese, verschloss sie mit einer Tunneldecke und die Menschen bekamen ihre Straßen wieder. Das funktionierte aber in den seltensten Fällen so einfach, denn kreuzende Wasserläufe, Gas-, Wasser- und Abwasserleitungen erschwerten den Bau erheblich. Am  10. Januar 1863 wurde schließlich die erste U-Bahn der Welt eröffnet.
Dampfloks brachten nun unterirdisch die Menschen ins Stadtinnere, ohne über der Erde Platz wegzunehmen.
Doch die Nachteile zeigten sich sehr rasch: Die Belüftung der Tunnel war nicht ausreichend, Fahrgäste und Mitarbeiter hatten mit Atemproblemen zu kämpfen, der Ruß sammelte sich überall. Der zusätzliche Bau von Abluftschächten brachte den Qualm zwar an die Oberfläche, allerdings verlagerte das die Probleme zu den Pferden auf den Straßen, die regelmäßig zusammenbrachen.

Die Elektrifizierung von Zügen begann 1890. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits fünf U-Bahn-Linien. Mit der Eröffnung der Northern-Line gab es erstmals röhrenförmige Tunnel in der Tiefe, die in bergmännischer Bauweise errichtet wurden. Von dieser Tunnelform hat die Londoner U-Bahn auch ihren Spitznamen: Tube. Die Züge sind weniger geräumig als die alten und haben ein rundlicheres Profil, um gut durch die engen Tunnel rasen zu können.

Aber wie kommt es zur „gap“? Die alten Linien, die dem Verlauf der Straßen folgen, haben auch kurvige, gebogene Stationsverläufe. Mit den geraden Wagen der Züge und dem baulichen Mindestabstand zum Bahnsteig ergibt sich so zwangsläufig eine Lücke. Das birgt eben die Gefahr, bei unvorsichtigen Schritten dazwischen zu treten und zu stürzen. Im Jahr 2016 ist allein an der Station Baker Street, wo wir uns gerade befinden, im Schnitt eine Person pro Woche in die „gap“ geraten.
Zum Glück erinnert uns die in Großbuchstaben auf den Boden gemalte Aufforderung nochmal daran, besser aufzupassen.

„Please mind the gap between the train and the platform“ quäkt es uns beim Öffnen der Türen entgegen. Wir steigen in den Zug der Circle-Line. An der Edgware Road wechseln wir auf den andern Linienzweig, um an Bayswater wieder auszusteigen.

Bayswater
Im Zentrum Londons sieht man von der Straße aus meist wenig von der London Underground. Ein paar Blocks weiter gibt es aber doch eine Lücke im Boden, die man gut versteckt hat.
In der Straße Leinster Gardens befindet sich eine 40 Meter lange Öffnung – verborgen hinter den falschen Fassaden von Nummer 23 und 24. Sie schließen die sonst vorhandene „gap“ in dieser schicken Wohngegend. Die Tunnelunterbrechung stammt noch aus der Zeit der Dampfloks, damit diese dort Dampf ablassen konnten.

Wem haben wir die Ansage „Mind the gap“ eigentlich zu verdanken? Wo lässt sich das besser herausfinden als bei Transport for London, der Dachorganisation des Londoner Nahverkehrs.
Zurück an der Station geht es mit der District-Line Richtung Süden. In Earl’s Court steigen wir um und fahren noch eine Station weiter nach West Kensington.

West Kensington
Ein paar hundert Meter entfernt von der Haltestelle, im Ashfield House, sitzt Transport for London. Die Organisation ist für die London Underground zuständig. Im Jahr 1969 beschloss man, „Mind the gap“ als Ansage aufzunehmen. Es wurde schon länger von den Fahrern und dem Bahnsteigpersonal bei jeder Zugeinfahrt im Bahnhof angesagt. Man engagierte einen Schauspieler, um den Text einzusprechen. Allerdings wollte sein Agent für jedes Abspielen der Ansage Tantiemen, das wäre aber bei hunderten Zügen und abertausenden Halten pro Tag ganz schön teuer für die London Underground geworden.
Deswegen wählte man einen Mitarbeiter aus dem Büro aus, um im Tonstudio bei Toningenieur Peter Lodge eine neue Aufnahme zu machen. Lodge machte vor dem Termin eine Probeaufnahme mit dem Text, um das Mikrofon einzupegeln. Diese Aufnahme gefiel dem später eintreffenden Mitarbeiter der Underground so gut, dass der Toningenieur fortan die neue Stimme in den Bahnhöfen wurde.
Im Laufe der Jahre gab es natürlich noch weitere Sprecher für die Stationsansagen in London.

Im Londoner Untergrund verbergen sich viele Geisterbahnhöfe, die inzwischen außer Betrieb sind oder nie in Betrieb genommen wurden. Doch das wollen wir in diesem Artikel nicht weiter ausführen.
Eine Station soll dennoch nicht unerwähnt bleiben, wenn wir schon mal am Ashfield House sind. Im dritten Stock des Gebäudes befindet sich die Station West Ashfield. Allerdings handelt es sich hier um keine gewöhnliche U-Bahn-Station, denn sie existiert eigentlich nicht. Auf keinem U-Bahn-Plan taucht sie auf, nur auf denen, die in der Station selbst hängen. Selbst mit Fahrkarte kommt keiner hier hin, denn es handelt sich um eine Trainingsstation. Die Mitarbeiter der London Underground werden hier für ihren Alltag ausgebildet. Es wurde eine – stark verkürzte – Station mit Fahrkartenautomat, Hinweistafeln, Bahnsteig, Gleis, Signaltechnik und U-Bahn-Wagen nachgebildet. Es gibt auch eine kleine Modellbahnanlage mit fünf Haltestellen, um mit den Fahrern verschiedene Szenarien nachstellen zu können.

Zurück an der Haltestelle West Kensington stellen wir uns jetzt die Frage: Was passiert, wenn ich nicht auf die Lücke geachtet habe? Die Folgen können ebenso harmlos wie gefährlich sein: Wer zwischen Zug und Bahnsteig rutscht kann unter Umständen mit Prellungen, Schürfwunden, einem Beinbruch oder einfach nur mit dem Schrecken davonkommen. Je nach Größe der Lücke können kleine Kinder ganz hinunterfallen. Die Gefahr eines Stromschlags besteht übrigens nicht direkt, da sich die Stromschiene in den Stationen immer auf der dem Bahnsteig abgewandten Seite befindet. Nichtsdestotrotz sollte man im Falle des Falles die Notbremse ziehen, damit das Personal über einen Notfall informiert wird und der Zug nicht losfährt. Die Zahl der „gap“-Unfälle ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen, pro Jahr sind es im Schnitt über 300. In den meisten Fällen kommen die Beteiligten aber ohne größere Verletzungen aus ihrer misslichen Lage.

Unser Zug fährt ein: Wir machen einen großen Schritt über die Lücke und steigen ein. Wir fahren mit der District-Line nach Osten bis zur Station Embankment, dem Beginn unserer Reise.

Embankment

Bis 2013 war hier noch, als letzte Station in London, die Stimme von Oswald Laurence zu hören, der bereits 12 Jahre zuvor verstarb. Seine Witwe kam daraufhin jeden Tag zur Station, um ihren Mann zu hören.
Sie wandte sich mit einem Brief an die London Underground, mit der Bitte die Aufnahme zu bekommen. Der Wunsch wurde ihr gewährt. Doch nicht nur das: Einige Zeit später setzte man Laurence Ansage wieder ein. Embankment ist seitdem die einzige Station in London, in der Oswald Laurence weiterhin warnt: „Mind the gap“.

* DIE LONDON UNDERGROUND IN ZAHLEN

  • 11 Linien
  • 45 % des Netzes ist unterirdisch
  • 76 Stufenfreie Stationen
  • 188 Personenaufzüge
  • 270 Stationen
  • 402 km Streckenlänge
  • 543 Züge im Einsatz

Quelle: Webseite Transport for London

Joshua Wenglein
ist 26 Jahre alt und arbeitet im Theater Baden-Baden als Fachkraft für Veranstaltungstechnik.
„Schon in jungen Jahren entdeckte ich in Freiburg das Interesse an Straßenbahnen. Das brachte mir im Alter von drei Jahren sogar mein eigenes Fotoalbum von den „Tratras“ ein, wie ich die Bahnen nannte. Die Begeisterung für alles auf Gleisen ist seitdem nicht verflogen und nach der ersten märklin-Eisenbahn war es auch selbstverständlich die Modellbahn-AG am Gymnasium zu besuchen.“

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