Foto: Lena Kaul

Über den Tod zu sprechen, fällt schwer und über die eigene Bestattung nachzudenken, ist gruselig. Doch wie ergeht es jemandem, der Menschen tagtäglich auf ihrem letzten Weg begleitet? Im Gespräch mit einem Bestatter über seinen Umgang mit dem Tabuthema.

Von Sophia Stölting

„Für meine eigene Beerdigung stelle ich
mir einen amerikanischen, weißen Sarg mit zwei Flügeln vor. So wie man ihn aus Filmen kennt. Weiß finde ich für eine Beerdigung einfach eine angenehmere Farbe als schwarz.“ Ralf Hanrieder lehnt sich in seinem Holzstuhl zurück. Er scheint zufrieden mit der Auswahl seines Sarges zu sein. Der 39-Jährige ist bereits seit 19 Jahren als Bestatter tätig. Natürlich mache man sich bei einem solchen Beruf auch Gedanken über die eigene Bestattung.

Hanrieder ist ein großer Mann mit breiten Schultern. Die schwarzen Haare sind von grauen Strähnen durchzogen und fallen ihm in Locken auf die Schultern. Sterbevorsorge, so der Bestatter, sei etwas ganz Natürliches. Alle Menschen müssten sich damit beschäftigen, täten es aber leider nicht. Schon allein aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen sei es doch
eine Selbstverständlichkeit. „Aber niemand möchte sich mit dem eigenen Tod beschäftigen. Gerade in der heutigen, schnelllebigen Zeit ist es unvorstellbar, einmal nicht mehr da zu sein. Der Tod hat etwas schrecklich Endliches, das in unsere Vorstellung vom Leben nicht hineinpasst.“

Im Ausstellungsraum seines Beerdigungsinstitutes braucht Hanrieder ein paar Minuten bis er das perfekte Präsentationslicht eingestellt hat: warmes, orangefarbenes Licht, das sich über die polierten Särge ausbreitet. Die Modelle reichen vom einfachen, unbearbeiteten Fichtenholzsarg bis hin zum aufwändig gestalteten Eichensarg mit Swarovski-Steinen. Dementsprechend variieren die Preise zwischen 400 und 6000 Euro. Hinter den Särgen sind in ausgehöhlten Baumstämmen Urnenmodelle ausgestellt, ebenfalls vom satten, orangenen Licht überflutet. Man könnte bei diesem Anblick fast vergessen, dass der Besuch dieses Raumes in der Regel ein trauriger Anlass ist.

Die tägliche Konfrontation mit dem Thema Tod kann belastend sein. Motivation und Trost zieht Hanrieder aus der Dankbarkeit der Hinterbliebenen. Es sei eine Erfüllung für ihn, Menschen auf
diesem schweren Weg zu begleiten und sie ein wenig zu entlasten – angefangen bei der Auswahl des Sarges bis hin zur Trauerfeier und Verabschiedung.

Das Bestattungsunternehmen liegt bereits seit vier Generationen in Familienhand. Früher träumte Hanrieder davon, im Marketing zu arbeiten. Er wollte seine kreative Ader ausleben. Erst als er 19 Jahre alt war, änderte sich seine Einstellung. Hanrieder räuspert sich, seine Stimme wird leiser. „Der erste Todesfall in meinem Leben war der meiner Großmutter. Ich hatte bis dato unglaubliche Angst vor dem unbekannten Gefühl der Trauer. Doch dann hat es mich fasziniert und in den Bann gezogen. Trauer ist neben der Liebe die stärkste Emotion, die wir Menschen hervorbringen können.“ Seine Augen blitzen kurz hinter der blau getönten Brille auf. Diese
Faszination habe ihn nicht mehr losgelassen und ihm wurde bewusst: „Dieser Beruf ist meine Berufung.“

Seine Kreativität lebt er nun in anderer Form aus. „Die Beerdigung sollte ein Spiegelbild des eigenen Lebens sein“, erklärt Hanrieder, „jeder Todesfall ist ganz individuell, mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Geschichten“. In der Trauerhalle hält er auch als Redner Trauerfeiern ab. Hier dominiert ebenfalls warmes, orangenes Licht, an den Wänden hängen große erdfarbene Gemälde. Bis zum Boden reichende Fenster geben dem Sonnenlicht genug Platz, um sich im Raum auszubreiten. „Der Sarg steht
nicht immer vorne an den Fenstern“, erzählt Hanrieder, „manchmal nimmt man den Verstorbenen wortwörtlich in die Mitte der Gesellschaft.“ Er habe beobachtet, dass immer mehr Menschen Bestattungen persönlicher gestalten wollen. Beispielsweise würden häufig Diashows oder Filme des Verstorbenen gezeigt. Hanrieder deutet auf einen an der Decke angebrachten Beamer. Oder die Trauernden schrieben mit Fingerfarben und Stiften ihre Wünsche auf den Sarg. Für seine eigene Trauerfeier habe er bereits persönliche Elemente ausgewählt. „Ich bin ein musikbegeisterter Mensch. Von House bis Udo Jürgens ist alles dabei. Dieses breite Spektrum soll auch an meiner Beerdigung gespielt werden und das weiß auch meine Familie.“

Der Raum der Stille befindet sich nur wenige Schritte von der Trauerhalle entfernt – eine orangene Leuchtstoffröhre auf dem Boden leitet den Weg. „In diesem Raum finden die unterschiedlichsten Verabschiedungen am offenen Sarg statt. Hier wird gebetet, gelacht, gesungen, es werden Geschichten erzählt und Erinnerungsstücke zum Verstorbenen gelegt.“
Hanrieder streicht die Decke, auf welcher sonst der Sarg steht, glatt. Er
empfiehlt immer diese Form des Abschiednehmens. Erfahrungsbedingt ginge es den Menschen danach besser. Die Hinterbliebenen könnten den Tod dann leichter annehmen.

Hat er als Bestatter noch Angst vor dem Tod? „Um ganz ehrlich zu sein: In meinem Berufsleben spreche ich häufig davon, dass man bewusster leben sollte, denn dann kann man dem eigenen Tod gelassener entgegentreten. Doch letztendlich weiß ich nicht, ob das wirklich so der Fall sein wird. Ist ein bisschen Angst vor dem Tod nicht auch gesund?“

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