Fotos / WRWR

Die Women Riders World Relay (WRWR) ist eine weltweite Damen-Motorradstaffel, ­deren Strecke selbst die abgelegenen und wagemutigen Teile der Welt abdeckt. Doch handelt es sich hierbei um mehr als nur um eine Motorsportveranstaltung. Vielmehr bildet die WRWR eine globale Schwesternschaft von inspirierenden Frauen, die eine Leidenschaft für das Motorradfahren und Abenteuer in allen Ecken der Welt fördern wollen. Die Fahrerin Liv Seuring gab uns lebhafte Eindrücke von der Relay und erklärte uns, was die Fahrerinnen antreibt und welche Spuren die Damen entlang der Strecke hinterlassen.

das Interview führte Alex Kreuzer

Wie kam es zu der Idee der Women Riders World Relay* – kurz WRWR?

Ursprünglich war es eine Schnapsidee der WRWR-Gründerin Hayley Bell, einer 28-­jährigen Motorradfahrerin aus der Nähe von Manchester (UK). Sie war es eines Tages leid, dass das Angebot von Motorradbekleidung und -ausrüstung für Frauen in den meisten Läden wenig brauchbar und verschwindend gering ist. Dass grundsätzlich die Motorradindustrie fast nur für Männer ausgelegt ist und Frauen als Fahrerinnen wenig ernst genommen werden.

Was ist die Idee hinter der WRWR?

Bei der Women Riders World Relay geht es um eine weltweite Motorradstaffel für Fahrerinnen. Wir möchten mit unserer Aktion zeigen, dass es sehr wohl viele Frauen gibt, die Motorrad fahren und das auch in allen Ländern. Damit wollen wir an dem althergebrachten Bild rütteln, dass Motor­radfahren reine Männersache ist. Wir Fahrerinnen bei der Relay sind durch die Liebe zum Motorradfahren verbunden. Das wollen wir auch physisch durch eine Staffelfahrt symbolisieren, bei der immer ein hölzerner Staffelstab – der sogenannte Baton – von Fahrerin zu Fahrerin weitergereicht wird. Am 27. Februar 2019 begann die Relay in John o´Groats in Schottland. Seitdem wird der Stab von Land zu Land um die Welt gefahren, bis er wieder zum Startpunkt zurückgebracht wird. Aktuell ist der Stab in Indien unterwegs. Nach Plan wird die Relay etwa ein Jahr bis zum Februar 2020 dauern.

Glaubst du, dass ihr mit eurer Relay bereits an dem althergebrachten Denken und den Vorurteilen, dass der Motorsport und das Motorradfahren eine Männersache ist, rütteln konntet?

Wir bekommen immer wieder Reaktionen und Lob wie „Ihr seid bereits so viele Mitglieder“ zu hören. Jedoch ist die Zeit seit Beginn der Aktion noch zu kurz, um langfristige Veränderungen zu bemerken. Die größte Wirkung bisher ist das internationale mediale Aufsehen, das wir mit der Relay und den begleitenden Veranstaltungen erregen. Zunächst möchten wir beweisen, dass wir es mit unserer Idee ernst meinen und auch nach der Relay dahinterstehen.

Gibt es nur die Relay oder auch begleitende Veranstaltungen wie Vorträge?

Insbesondere in der Vorbereitungszeit auf die Relay waren wir viel auf Messen unterwegs, um für unsere Aktion zu werben. Ich selbst war zum Beispiel in England auf der Motorcycle Live Messe. Darüber hinaus sind wir auf größeren Motorrad-Treffen unterwegs und tauschen uns aus.

Wollen auch Männer bei euch mitfahren und falls ja, dürfen sie?

Wir hatten ursprünglich überlegt, die Relay ausschließlich für Fahrerinnen zu organisieren, jedoch ist dies beispielsweise in manchen Ländern aufgrund der dortigen Gesetze gar nicht möglich. Es kamen zu Beginn auch viele Anfragen, ob Fahrerinnen durch Männer auf der Fahrt begleitet werden könnten. Letztendlich haben wir die Möglichkeit geschaffen, dass die Staffelstab-Wächterinnen, die sogenannten Guardians*, auch Männer als Begleitung mitnehmen können.

Welches Feedback bekommt ihr aus der Motorradfahrergemeinde für das, was ihr auf die Beine gestellt habt?

Bisher haben wir fast ausschließlich positives Feedback bekommen. Man muss hier­zu auch sagen, dass wir von Anfang an versucht haben, die Aktion und die Relay möglichst professionell aufzubauen, damit wir auch ernstgenommen werden.

Du hast vorhin gesagt, dass es in manchen Ländern Schwierigkeiten damit gibt, wenn Frauen allein Motorrad fahren. Wo ist das der Fall und was geschieht dann?

In wenigen Fällen müssen die Fahrerinnen von einer Gruppe von Männern begleitet werden. Krasse und glücklicherweise seltene Extremfälle ereigneten sich beispielsweise in Pakistan. Dort wurden Fahrerinnen mit Steinen beworfen und beschimpft, da dort die Idee der WRWR zum Teil auf Widerstand trifft.

Fahrt ihr zum ersten Mal und falls ja, wie geht es in Zukunft weiter?

Es kamen recht schnell Anfragen, ob die Relay noch einmal stattfinden wird. Wir sind gerade dabei zu überlegen, ob die ­Relay alle paar Jahre stattfinden könnte. Bis wir das entscheiden, werden wir erstmal diese erste Relay zu Ende fahren. Wir haben aber bereits so einen riesigen Spaß hierbei. Das wird bestimmt nicht das letzte Mal bleiben.

Wie sieht die Relay in Zahlen aus? Wie viele Fahrerinnen sind bereits mit dem Stab gefahren?

Aktuell haben wir allein als Guardians ohne Begleitperson bereits 1 288 Fahrerinnen und noch weit mehr, die die Strecke der WRWR begleiten.

Wie lang fährt eine Fahrerin pro Etappe?

Je nach Länge der Etappe kann es sich um eine Tagesfahrt handeln oder auch um eine Fahrt über mehrere Tage. Das ist ganz unterschiedlich. Wir fahren aber nur tagsüber.

Wie viele Kilometer hat der Stab schon hinter sich? Wie viele folgen noch?

Aktuell hat der Stab bereits 31 468 Kilometer hinter sich gebracht und knapp die Hälfte der Relay liegt noch vor ihm.

Wie wurdest du auf die WRWR aufmerksam?

Es war eigentlich ein Zufall. Ich kam damals von einer kleinen Motorradtour nach Hause und sah abends den Aufruf zur Aktion von der WRWR-Gründerin Hayley Bell auf Facebook. Ich war sofort Feuer und Flamme und habe dann Kontakt zu ihr aufgenommen.

Wieso wolltest du mitfahren?

Ich war angetan von einer Motorrad­gemeinschaft von Frauen, die selbst an den Motorrädern schrauben, sich austauschen und für die das Motorradfahren eine wahre Leidenschaft ist. Für das Motorradfahren darf man sich nun mal nicht zu fein sein. Da kann schon mal ein Fingernagel abbrechen.

Seit wann bikest du schon?

Seit 2008. Zu Beginn bin ich eher wenig gefahren. Meine Leidenschaft fürs Fahren ist letztendlich bei einer mehrtägigen Motorradtour durch Südostasien entbrannt. Im Alltag fahre ich inzwischen täglich mit dem Motorrad zur Arbeit und mache gerne auch im Urlaub Motorradreisen.

Was bedeuten die Werte „Be adventurous. Be courageous. Be inspiring. Be real. Be united.” der WRWR für dich persönlich? Kannst du dich mit ihnen identifizieren?

Diese Werte sind etwas, das ich in Bezug auf alle Motoradfahrer, nicht nur die weiblichen, verstehe. Be courageous – Sei abenteuerlich. Sei mutig. Trau dich mal etwas Neues. Es muss nicht alles schief- laufen oder blöd werden, was man sich vornimmt. Es kann auch richtig cool werden. Riskier etwas. Fahr vielleicht auch einfach Motorrad, wenn du das noch nie gemacht hast. Be inspiring. Be united. Genau das leben wir dadurch, dass wir als eine große Gemeinschaft zusammen in so vielen Ländern fahren und uns austauschen.
Dadurch entstehen über das Fahren hinaus Freundschaften und eine gegenseitige Hilfe-Kultur. Be real. Bei uns kann jede Fahrerin mitfahren. Ganz egal, was für ein Gefährt sie fährt, ob sie gerade angefangen hat oder bereits Profirennfahrerin ist.

Wie reagieren andere darauf, wenn du ihnen erzählst oder sie sehen, dass du Motorrad fährst?

Wenn ich nach einer Fahrt absteige und den Helm abnehme, werde ich oft erstmal beäugt. Doch bekomme ich mehrheitlich Anerkennung, dass es cool sei, auch als Frau Motorrad zu fahren. Natürlich gibt es auch Mitmenschen, die verständnislos in Bezug auf meine Fahrleidenschaft sind, da für sie das Motorradfahren zu gefährlich und verantwortungslos ist.

Wie wirst du als Frau von männlichen Fahrern behandelt?

In der Regel nicht besonders anders als männliche Fahrer. Jedoch gibt es auch Situationen, bei denen ich das Gefühl habe, dass ich als Fahrerin nicht ernst genommen oder belächelt werde. Das sind beispielsweise Situationen, bei denen in der Werkstatt meine technischen Kenntnisse und meine Meinung nicht berücksichtigt werden. Ob das auch einem männlichen Fahrer passieren könnte, kann ich nicht sagen.

Gibt es etwas, das alle WRWR Fahrerinnen aus den verschiedenen Nationen gemeinsam haben?

Wir haben schon echt eine große Menge Mädels dabei, die einfach Eier haben. Die trauen sich auf Strecken, die nicht jeder fahren könnte und will. Im Gegensatz zum Autofahren merkst du beim Motorradfahren die Außentemperatur, den Regen, den Wind und die Straße unter dir. Das Ganze schafft auch ein Gefühl der Freiheit. Dieses Gefühl und die Liebe zum Motorradfahren verbinden jeden begeisterten Fahrer und Fahrerin. Und natürlich nicht zuletzt der Spaß am Fahren.

Wie kannst du die typische Fahrerin der WRWR beschreiben oder gibt es sie gar nicht?

Wir haben Fahrerinnen im Alter von 17 bis über 70, die vom kleinen Motorroller bis hin zum Rennmotorrad alles Mögliche fahren. Die typische WRWR-Fahrerin gibt es also nicht. Aber genau das ist auch das, was wir zeigen wollen: Es ist egal, wie oder was du fährst. Alle Fahrerinnen sollen durch die Staffelfahrt und den Stab verbunden werden.

Wie kam es zu der Route?

Die Route wurde von vornherein komplett geplant. Es wird hierbei nach Kontinent, Land und dann nach Tagesetappe unterteilt. Dabei ist jeder Guardian dafür verantwortlich, dass der Stab vom Start zum Endpunkt der Etappe gebracht wird. Dabei können die Etappen von 50 Kilometer bis zu über 1 000 Meilen reichen. Ich selbst war Guardian für die Strecke von Darm­stadt nach Dierdorf.

Auf welche Herausforderungen sind du und deine Kolleginnen bei der Relay gestoßen?

Das Wetter kann uns große Probleme bereiten. Aktuell schauen wir auch auf den kommenden Abschnitt in Nepal, wo zurzeit ein Monsun bevorsteht.

Ist schon einmal etwas schiefgelaufen?

Wir hatten zu Beginn der Relay etwas Sorge um manche Abschnitte, die in Ländern wie Iran oder Pakistan liegen. Dort müssen Fahrerinnen teilweise mit männlicher Begleitung fahren. Jedoch ist oftmals die Logistik die größte Herausforderung. Mit dem Stab wird auch immer ein GPS-Tracker mitgefahren. Dieser bleibt manchmal im Zoll hängen. Es gab natürlich auch bereits kleinere Unfälle oder Pannen.

Fährt man ganz allein oder hat man ein Team dabei?

Die Fahrergruppe wechselt eigentlich täglich. Es gibt auch Fahrerinnen, die den Stab durch ein ganzes Land begleiten. Wir haben auch eine ganz besonders engagierte Fahrerin aus Australien, die bereits über einhundert Tage am Stück die Relay mitfährt. Sie hat sich zu Beginn der Relay einfach ein Motorrad gekauft und fährt seitdem fast ununterbrochen. Das möchte sie so lange machen, bis ihr das Geld ausgeht. Vom Workaholic zum Rideaholic – Wahnsinn!

* RELAY
Das Wort Relay steht im Englischen für einen Staffellauf. Im Gegensatz zu einer Rally ist im Motorsport bei einer Relay nicht die Fahrtzeit entscheidend, sondern dass der Staffelstab überhaupt das Ziel erreicht.

* GUARDIANS
Guardians heißen die registrierten Fahrerinnen der Relay. Sie verpflichten sich, für einen Zeit- und Streckenabschnitt den Staffelstab zu hüten und ihn vom Start- zum Zielpunkt ihres Abschnitts zu fahren.

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