Wer kann besser Wohnungseinbrüche vorhersehen –
Mensch oder Computer?

Grafik: Sergey Nivens / shutterstock.com

Verbrechen vorhersehen und sie bekämpfen, bevor sie überhaupt passieren – klingt nach Science-Fiction, oder? Doch dies ist heute dank Computerprogrammen wie dem „Pre Crime Observation System“, kurz PRECOBS, möglich. Dieses wurde vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik in Oberhausen entwickelt. Dahinter steht das Prinzip des „Predictive Policings“*. Ich habe mit dem Karlsruher Kriminalhauptkommissar Uwe Mantel* gesprochen, der PRECOBS getestet hat.

das Interview führte Nadine Lahn

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit bei der Kriminalinspektion Karlsruhe aus?

Wir sind eine kleine Einheit mit momentan vier Kollegen und für die „Zentrale Integrierte Auswertung“ im Polizeipräsidium Karlsruhe zuständig. Dieses umfasst nicht nur den Stadt- und Landkreis Karlsruhe, sondern auch den Stadtkreis Pforzheim, den Enzkreis sowie den Landkreis Calw. Jeden Morgen betrachten wir, welche Delikte in den letzten 24 Stunden begangen wurden. Bei uns laufen also alle Informationen zentral zusammen. Danach kristallisieren wir heraus, was für das gesamte Polizeipräsidium von Bedeutung ist – das wird in einer „Tageslage“ für die Kollegen veröffentlicht, sodass alle auf demselben Stand sind. Dabei bearbeiten wir auch überregionale und bundesweite Anfragen sowie Anfragen benachbarter Länder, da die Fälle häufig grenzüberschreitend aufreten. Dazu tauschen wir uns auch mit den anderen Polizeipräsidien aus. Wir sind dafür zuständig, Trends wie z. B. Strafatenserien oder örtliche sowie kriminologische Schwerpunkte zu erkennen und diese an die sachlich zuständigen Dezernate weiterzuleiten.

Wie kam es dazu, dass die Sofware PRECOBS in Karlsruhe getestet wurde?

Das Computerprogramm PRECOBS wurde 2014 bei uns eingeführt, da die Anzahl der Wohnungseinbrüche zu dieser Zeit immens hoch waren (siehe Abb. 1). Die Statistiken wurden in der Öffentlichkeit publik gemacht und führten auch in den Medien zu großem Aufruhr. PRECOBS war
als Pilotprojekt angedacht, um zu testen, ob es sich für die Kriminalitätsbekämpfung eignet. Es sollte in diesem Fall für eine effiziente Aufstellung der Einsatzkräfe zur Bekämpfung der Wohnungseinbrüche sorgen. Vorwiegend sollten dabei keine Täter festgenommen werden, sondern in erster Linie die Wohnungseinbruchszahlen durch Prävention gesenkt werden. Dazu wurde zusätzliche Präsenz von Einsatzkräfen in diesen identifizierten Arealen geschaffen.

Abbildung 1: Entwicklung des Wohnungseinbruchdiebstahls beim Polizeipräsidium Karlsruhe (Zehnjahresvergleich):
Seit 2010 stieg die Zahl der Wohnungseinbrüche im Polizeipräsidium Karlsruhe kontinuierlich an. Im Jahr 2014 erreichte sie dann ihr Maximum. Vermutlich aufgrund der ab 2015 eingeleiteten Maßnahmen konnte ein stufenweiser Rückgang der Zahlen erfolgen.

Grafik / Polizeiliche Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums Karlsruhe 2018, S. 30

Die Hoheit über das Projekt mit dem Titel „Predictive Policing – P4“ besitzt das Landeskriminalamt Baden-Württemberg im Aufrag des Innenministeriums. 2014 haben wir im Rahmen einer „Besonderen Aufbauorganisation“* zusätzlich zum Einsatz von PRECOBS Maßnahmen in die Wege geleitet, um die Wohnungseinbrüche im Bereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe zu bekämpfen. Dazu gehörte die Ernennung eines Schwerpunktsachbearbeiters in jedem Revier, die bessere Vernetzung der Reviere, das Hinzuziehen der Kriminalpolizei, die Unterstützung durch Einsatzkräfe der Bereitschafspolizei, mehr offene und verdeckte Präsenz der Polizisten sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung durch Öffentlichkeitsarbeit. Im April 2019 endete die Testphase.

Wie arbeitet PRECOBS?

Die Funktionsweise der Sofware beruht auf dem Prinzip der sogenannten „near repeats“. Dabei wird davon ausgegangen, dass erfolgreiche Täter erneut im selben Umkreis einbrechen werden.

Die Sofware arbeitet mithilfe eines Algorithmus*. Als Eingabe dafür dienen die Daten der Wohnungseinbrüche der letzten fünf Jahre, welche folglich verarbeitet werden. Auf diese Weise können besonders gefährdete Areale erkannt werden. Ich entscheide dann, ob ein Alarm ausgelöst werden soll. Diesen empfängt das zuständige Revier. Dort beaufragt der Dienstgruppenleiter die Einsatzkräfe, den Weg über das Alarmgebiet zu suchen, wenn sie zu einem Einsatz fahren bzw. von einem zurückkommen. Sind viele Streifenwagen in diesem Bereich unterwegs, kann dies für potenzielle Täter abschreckend wirken. Wir gehen davon aus, dass dadurch ein Verdrängungseffekt erzielt wird. Der Alarm läuf dann für sieben Tage. Dies ist allerdings eine „Abklingphase“, weil der heißeste Tag für weitere Verbrechen der Folgetag des schon geschehenen Verbrechens ist. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholungstat auf etwa 40 Prozent ab. Nach dem siebten Tag wird das Risiko wieder auf null Prozent geschätzt.

Zusätzlich wird eine Reihe von sozioökologischen Daten wie die Kaufkraf und der Lebensstandard der Bewohner und die Art der Bebauung der Gebiete in das Programm eingegeben. Anhand dieser Faktoren kann der Algorithmus beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Einbrüche berechnen. Ich sage immer: Kein Verbrechen passiert zufällig. Die Sofware berechnet das mit Algorithmen, ich als Polizist mit meinen Erfahrungswerten.

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag durch den Einsatz der Sofware verändert?

PRECOBS hat meine Arbeit dahingehend verändert, dass ich meine bisherige manuelle Auswertung mit der des computerbasierten Programms abgleichen kann. Ich kann also vergleichend betrachten, welche Schwerpunkte ich gegenüber der Sofware erhalte. Bei Unstimmigkeiten muss ich analysieren, woher der Grund für die Abweichung kommen könnte.

Eine wichtige Rolle spielt an dieser Stelle auch die vorliegende Datenqualität – also die Informationen, welche die Kollegen in das System eingeben. Ein Beispiel dafür wäre: Bei Beziehungstaten nach einer Trennung, bei der sich ein Partner seine ihm vermeintlich zustehenden Sachen gegen den Willen des anderen Partners aus der ehemals gemeinsamen Wohnung holt. Hinterlegt ein Kollege dies im System als Wohnungseinbruch, ist das schlichtweg nicht korrekt und kann die Ergebnisse verzerren.

Kann die PRECOBS-Sofware auch wie in Minority Report* oder Person of Interest* verwendet werden, um potentielle Täter zu finden?

Nein, die Sofware arbeitet ausschließlich ohne personenbezogene Daten. In Deutschland lässt das der Datenschutz nicht zu. Das Programm kennt beispielsweise nicht die exakten Hausnummern der Tatobjekte. Dazu wird ein Mittelwert berechnet, der beschreibt, wo der Tatort gesetzt wird. Das Ganze findet also komplett anonymisiert statt. Das hat sowohl politische als auch rechtliche Gründe. Totale Überwachung gibt es nur in einem totalitären Staat. Das Grundgesetz und die Strafprozessordnung sind quasi unsere Bibel – was dort nicht erlaubt ist, darf die Polizei nicht machen. Beispielsweise dürfen Daten aus den sozialen Netzwerken nicht verwendet werden. Das geht in bestimmten Fällen nur mit einem Gerichtsbeschluss. In den USA werden hingegen auch personenbezogene Daten für „Predictive Policing“ verwendet. 

Rein technisch wäre das Identifizieren von potenziellen Tätern überhaupt kein Problem. Würde man theoretisch jedem Neugeborenen einen Tropfen Blut abnehmen und in Verbindung mit seinen Personalien seine DNA speichern, könnten Täter sofort gefasst werden, indem man die DNA vom Tatort mit der Datenbank abgleicht.

Durch die Medien kursieren beim Thema „Predictive Policing“ unzählige ethische Fragen: Können zukünfig Entscheidungen an den Computer abgegeben werden? Wer hat dabei die Verantwortung – der Mensch oder der Computer? Darf der Mensch durch die Technik kontrolliert werden, um dadurch mehr Sicherheit zu gewährleisten?

Hier haben wir ein gesellschafliches Problem. Ähnlich ist es beim Thema selbstfahrende Autos mit der Frage, wer Schuld bei einem Unfall hat. Aber selbst, wenn es soweit kommt, dass wir uns bei der Polizei stark von Algorithmen in unseren Ermittlungsarbeiten beeinflussen lassen, bin ich der Meinung, dass die letzte Entscheidungsinstanz immer ein Mensch sein wird. Damit sind nicht nur Polizisten gemeint, sondern auch Staatsanwälte und Richter.

Das Problem des „gläsernen Menschen“ sehe ich eher bei der Tatsache, dass viele Menschen ihre Daten beispielsweise in sozialen Netzwerken preisgeben, die Datenschutzbestimmungen nicht aufmerksam lesen und sich nicht über die Verwendung bewusst sind.

Wo werden Computerprogramme zur vorausschauenden Polizeiarbeit noch verwendet?

Es gibt ähnliche Sofwares wie PRECOBS, die auf dem gleichen Funktionsprinzip beruhen und auch in anderen Bundesländern angewendet werden. Als die Wohnungseinbruchszahlen 2014 und 2015 angestiegen sind, haben einige Bundesländer versucht, etwas dagegen zu unternehmen. Das PRECOBS-Pilotprojekt wurde in Baden-Württemberg neben dem Polizeipräsidium Karlsruhe auch im Polizeipräsidium Stuttgart getestet. Die Sofware läuf z. B. auch im Stadtbereich München und im Präsidiumsbereich Nürnberg, dessen Konstellation mit dem des Kreises Karlsruhe vergleichbar ist.

Ist der Nutzen von PRECOBS erwiesen?

Im Endeffekt konnte nicht ausreichend nachgewiesen werden, ob die Sofware besser arbeitet als der Polizist. Im Gutachten des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht, welches das Pilotprojekt wissenschaflich evaluiert hat, wurde deutlich, dass die Zahlen der Wohnungseinbrüche stark zurückgegangen sind. Wir hatten in Baden-Württemberg mit die höchsten Einbruchszahlen, aber konnten auch die deutlichsten Rückgänge in den Folgejahren erzielen – seit 2014 befanden sich diese im zweistelligen Prozentbereich. Der Erfolg war also da. Es ist allerdings nicht zweifelsfrei nachweisbar, dass das an der Sofware lag. Denn es sind, wie vorher erwähnt, durch die „Besondere Aufbauorganisation“ einige Aspekte hinzugekommen.

Bei der Bewertung des Nutzens der Sofware wurden die Zeit- und Ressourceneinsparungen gegenüber den Kosten abgewogen. Wäre bei der Kosten- und Nutzenabwägung die Entscheidung auf die Maschine gefallen, hätte dies in unserer Arbeit wahrscheinlich Verlagerungen bedeutet. Die freiwerdenden Ressourcen hätten wir an anderen Stellen einsetzen können – bei der Polizei gibt es immer etwas zu tun. Wenn das erste Pilotprojekt erfolgreich gewesen wäre und die hohen Kosten sich dafür gerechnet hätten, wären weitere Anwendungsmöglichkeiten denkbar gewesen. Die Sofware kann natürlich auch auf andere Deliktsfelder wie
Einbrüche in Firmen oder PKW-Aufbrüche erweitert werden.

In Stuttgart war die Testphase mit der Sofware im Vergleich zu Karlsruhe erfolgreicher. Das Polizeipräsidium Stuttgart ist nämlich ein reines Stadtgebiet. Das wirkt sich stark in den Ergebnissen der Testphase aus, denn dort konnten die Alarmbezirke besser gesetzt werden. Wenn wir hier Treffer hatten, befanden sich diese zu 90 Prozent im Stadtgebiet Karlsruhe. Dieses Gebiet macht allerdings nur 25 Prozent unseres Präsidiumsbereichs aus. Im ländlichen Gebiet werden verhältnismäßig wenige Delikte verübt, sodass an dieser Stelle die Sofware nicht effizient ist.

Welches Fazit ziehen Sie persönlich nach der Testphase der Sofware?

Ich denke, die Sofware ist gut – die manuelle Auswertung, wie ich sie bisher immer gemacht habe und die automatisierte Auswertung lagen nicht weit auseinander. Das Programm bietet eine Zeitersparnis in der täglichen Arbeit.

Eins muss aber gesagt werden: Letztendlich besteht das Problem, dass bei stark rückläufigen Einbruchszahlen die Daten zunehmend weniger Aussagekraft besitzen. Denn das bedeutet auch weniger Berechnungsgrundlage für das Computerprogramm, das keine klaren Treffer mehr erzielen kann. Somit ist es auch nicht mehr bei der Frage nach der Einteilung der Einsatzkräfe behilflich. Jetzt, da PRECOBS nicht dauerhaf beschafft wird und sich das Thema Wohnungseinbrüche etwas entspannt hat, rücken andere Deliktsarten in der Priorisierung nach oben – ohne den Wohnungseinbruch aus den Augen zu verlieren! Es könnte jetzt durchaus in Betracht gezogen werden, künfige Problemfelder eventuell erneut mit computerbasierten Hilfsmitteln anzugehen. Bei der Polizei haben wir leider technisch und personell nicht die Kapazitäten, alle Problemfelder gleichermaßen abdecken zu können.

Vielen Dank für das spannende Interview, Herr Mantel!

*PREDICTIVE POLICING
Bei der vorausschauenden Polizeiarbeit werden Computerprogramme verwendet, die Wahrscheinlichkeiten für das Geschehen von Verbrechen berechnen. Mit diesem Wissen können gezielt polizeiliche Maßnahmen eingesetzt werden, um die Strafaten zu verhindern. In den USA ist das Prinzip schon weiter verbreitet als in Europa.

*ALGORITHMUS
Ein Algorithmus ist eine fest definierte Vorgehensweise zur Lösung eines Problems und somit ein wichtiger Bestandteil von Computerprogrammen. Dies ist vergleichbar mit einem Rezept zum Kuchenbacken.

*MINORITY REPORT (2002)
ist ein US-amerikanischer ScienceFiction-Thriller. Dort prognostizieren Wahrsager – sogenannte „Precogs“, welche Bewohner von Washington D.C. in der Zukunf eine Strafat begehen werden. So versuchen die Polizisten, die Delikte zu verhindern. 

*PERSON OF INTEREST (2011-2016)
ist eine US-amerikanische Serie. Sie handelt von einem Computerprogramm, das die Menschheit überwacht und die Sozialversicherungsnummern derjenigen ausgibt, die bald – als Opfer oder Täter – in ein Kriminalverbrechen verwickelt sein werden. Diese gilt es ausfindig zu machen.

*BESONDERE AUFBAUORGANISATION
Dies ist eine zeitlich begrenzte Organisationsform bei der Polizei, die aufgestellt wird, um umfangreiche und komplexe Aufgaben koordiniert zu lösen.

 

Herausgeber

fuks e.V. – Geschäftsbereich Karlsruher Transfer

Waldhornstraße 27, 76131 Karlsruhe
Telefon +49 (0) 721 38 42 313
transfer@fuks.org

Urheberrecht:

Alle Rechte vorbehalten. Die Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art sind nur mit Genehmigung der Redaktion und der Autoren statthaft. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Der Karlsruher Transfer erscheint einmal pro Semester und kann von Interessenten kostenlos bezogen werden.

Share
This