zerbrochene Flasche mit Blut
zerbrochene Flasche mit Blut
Foto: Kimberly Rebscher

Trotz unzähliger Fernsehkrimis und Kriminalromane hat die Suche nach einem Täter nicht an ihrer Faszination verloren. Immer stärker rückt auch die Kriminaltechnik in das Rampenlicht, wie beispielsweise mit der Serie Dexter, die einen tiefen Einblick in die Blutanalyse gibt. Doch wie sieht die Spurensuche eines Kriminaltechnikers tatsächlich aus? Wir haben mit den Kriminaltechnikern Robert G. und Andrea I. der Kriminal­polizeidirektion Karlsruhe gesprochen.

das Interview führten Kimberly Rebscher, Alex Kreuzer und Lena Kaul

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

G: Ich arbeite seit 1994 bei der Kriminaltechnik. Zuvor war ich beim Streifendienst der Polizei und habe beim Landeskriminalamt (LKA) im Rauschgiftbereich gearbeitet. Von dort aus habe ich mich bei der Kriminalpolizei in Karlsruhe beworben. Ich habe mich dazu entschieden, zur Polizei zu gehen, weil mein Vater auch bei der Kriminalpolizei war und ich deshalb von klein auf geprägt wurde. Mein Sohn hat den gleichen Weg eingeschlagen. Wir sind also eine reine Polizeifamilie. Der Weg zur Kriminaltechnik war eigentlich nicht vorgeplant. Ich habe im Rahmen des Laufbahnwechsels zur Kriminalpolizei ein Praktikum absolviert, bei dem ich die einzelnen Dezernate durchlaufen habe, und wurde dann vom damaligen Chef der Kriminaltechnik angesprochen, ob ich nicht Interesse daran hätte, hier zu arbeiten. Und dann bin ich hier hängen geblieben. Es war also nicht so, dass ich von Anfang an gesagt hatte: „Ich will zur Kriminaltechnik“, so wie das bei einigen Kollegen hier der Fall ist. Wir haben eigentlich nur Kollegen hier, die freiwillig ihren Dienst hier verrichten, weil wir in unserem Bereich mit vielem zu tun haben, was unangenehm ist. Dazu kann man keinen Kollegen zwangsverpflichten, wenn diese damit ein Problem oder nicht die Affinität dazu haben. Sonst geht das gar nicht.

Arbeiten bei der Kriminalpolizei nur ­Polizisten?

I: In unserem Labor arbeiten vier Personen, von denen drei technische Angestellte sind. Diese kommen aus der freien ­Wirtschaft und machen zu 50 Prozent ­La­borarbeit. Sie bringen gewisse Kenntnisse über Chemie und die Laborarbeit mit. Da dieses Thema so komplex und vielschichtig geworden ist, haben wir die Chance genutzt, Fachleute einzustellen, die uns unterstützen. Für diese Stellen war die Bewerberzahl sehr groß, obwohl man in der freien Wirtschaft wahrscheinlich mehr verdienen würde. Ich glaube, das liegt daran, dass es sehr interessant ist, auch mal mit zu einem Tatort zu kommen. Dort können sie vor Ort entscheiden, wie man eine Spur am besten sichtbar machen kann. Wir haben in unserer „Hexenküche“ (Laborräume) die Möglichkeit, verschiedene Spurenarten chemisch und mit Lichttechnik sichtbar zu machen.

G: Mit den Chemikern zu arbeiten hat uns nochmal einen richtigen Aufschwung gegeben. Zum einen, was die Arbeitssicherung im Labor angeht. Zum anderen kennen sie sich einfach besser aus und wir profitieren gegenseitig sehr voneinander. Sie von unserer Polizeiarbeit und wir von ihrem chemischen Wissen.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?

I: Wir sind in verschiedene Tatort-Teams eingeteilt. Die Teams arbeiten die Tatorte ab – häufig Einbrüche, zu denen sowohl Geschäftseinbrüche als auch Wohnungseinbrüche gehören. Einbrüche in der Nacht werden zunächst von der Schutzpolizei aufgenommen und zu Beginn des nächsten Tages an uns übergeben. Die Tatorte werden aufgesucht und die Tatortarbeit bzw. Spurensicherung durch­geführt. Es wird auch außerhalb der Wohnungen oder eines Geschäftes nach Spuren gesucht, z. B. Hautspuren, Schuh­spuren, Blutspuren, Fingerspuren und viele mehr.

G: Eigentlich ist jeder Tag anders. Andrea hat ja gerade schon gesagt, dass wir mehrere Teams haben, die nach Dienstplänen eingeteilt sind und dann in Zweierteams rausfahren. Zusätzlich haben wir eine Rufbereitschaft, sind also 24/7 erreichbar. Die Besetzung wechselt immer und somit ist es immer gewährleistet, dass wir kontaktierbar sind. Ansonsten haben wir noch ein bis zwei Mal in der Woche unseren Tatortdienst. Das, was wir dort an diesem Tag aufnehmen, arbeiten wir auch selbst ab. Es ist in den letzten Jahren viel Büroarbeit dazugekommen. Dabei werden die Spuren sortiert, aufgearbeitet, Asservaten­listen* geführt, Untersuchungsanträge geschrieben, Berichte gefertigt und vieles mehr.
Es kann auch sein, dass man ins Büro kommt, es irgendwo einen Knall gibt und wir zu einem Tötungsdelikt gerufen werden – oder sogar mehrere Tötungsdelikte in kurzer Zeit. Dann brauchen wir alle Leute und müssen sofort raus.
Wichtig ist es, die verschiedenen Spurenbereiche zu trennen: Der Kriminaltech­niker, der am Tatort war, darf nicht zum ­Täter oder Zeugen, um Spurenverschleppungen zu vermeiden. Selbst eine große Inspektion wie wir stößt schnell an ihre personellen Grenzen, wenn wir viele Delikte haben.

Wie viele Wohnungseinbrüche gibt es in der Woche in Ihrem Zuständigkeits­gebiet?

G: Also wir hatten schon Zeiten, an denen es mindestens fünf bis sechs Einbrüche am Tag waren. Inzwischen ist der Wohnungseinbruch vom Strafmaß erhöht worden – früher war das ja ein Vergehen, heute ist es ein Verbrechen. Die Zahlen sind extrem zurückgegangen in der letzten Zeit. Vielleicht liegt es an der guten Arbeit der Polizei und an der Prävention. Die Leute sind aufmerksamer geworden und es werden auch höhere Sicherheitsmaßnahmen verwendet, wie beispielsweise Sicherungstüren. Vielleicht ist es auch das Strafmaß, das abschreckt. Wir hatten einen Täter in Baden-Baden, der dort zu zwölfeinhalb Jahren wegen Wohnungseinbrüchen verurteilt wurde. Es liegt auch an der Jahreszeit. Im Oktober bis März ist es früher dunkel, da haben es ­Täter leichter, im Dämmerlicht einzubrechen und können abschätzen, ob jemand kommt. Inzwischen wird auch bei jedem Einbruch die Kripo eingeschaltet.

Welche Regeln gibt es beim Betreten ­eines Tatortes?

G: Eine Regel ist, dass man von außen nach innen vorgeht. Auch bei der Fotografie oder der Spurenhygiene – dort ist es beim Wohnungseinbruch nicht so aufwändig wie bei einem Kapitaldelikt, bei dem man nur im Vollanzug rein kann, um die Spurenhygiene zu gewährleisten. Im Bereich Kapitaldelikte gibt es priorisierte Spuren, beispielsweise die Sicherung ­einer DNA-Spur. Danach gehen wir zur daktyloskopischen Spurensicherung über (Sicherung von Fingerspuren). Anschließend werden Werkzeugspuren mit speziellen Geräten, beispielsweise mit Hilfe eines 3D-­Scanners, aufgenommen.

Welche typischen Spuren findet man an Tatorten?

I: Das ist immer unterschiedlich und kommt auf die Straftat an, die wir untersuchen. Bei einem Sexualdelikt schaut man eher nach Sekret, Sperma oder Hautschuppen und bei einem Tötungsdelikt nach Blut. Es kommt auch vor, dass sich ein Täter selbst verletzt und Blut hinterlässt. Es kommt eben immer auf die Straftat und die Spurensituation an.

G: Blut, Speichel und Sperma sind sogenannte Reinspuren, das heißt, die DNA liegt hier in der reinsten Form vor. Weiterhin haben wir noch Hautschuppen, wobei sich das Problem ergibt, dass jeder Mensch Hautschuppen verliert und so Verunreinigungen an einem Tatort stattfinden können. Eine Reinspur ist immer besser und auch viel leichter zu untersuchen.

Gibt es Spuren, mit denen man den ­Täter zweifelsfrei identifizieren kann? Ist der klassische Fingerabdruck noch relevant, seitdem es möglich ist, DNA-­Proben zu untersuchen?

G: Eine Individualspur kann einer bestimmten Person zugeordnet werden. Beim Fingerabdruck ist die Person eindeutig zuzuordnen. Auch eine Schuhspur kann eine Individualspur sein. Denn durch das Profil kann eine eindeutige Zuordnung erfolgen, obwohl dieser Schuh vielfach existiert. Die DNA-Spur ist auch nicht so einzigartig, da diese bei eineiigen Zwillingen gleich ist. Der Fingerabdruck ist jedoch auch bei Zwillingen unterschiedlich.
Wir hatten schon einen Fall, bei dem wir eineiige Zwillinge untersucht haben. Der Fingerabdruck ist zwar ähnlich, aber dennoch unterschiedlich, selbst bei Drillingen. Die DNA ist gleich, also muss man sie durch den Fingerabdruck zuordnen.

Wie wichtig ist die Berufserfahrung für einen Kriminaltechniker? Benötigt ein guter Kriminaltechniker einen siebten Sinn für die Spurensuche, wie man es aus dem Fernsehen kennt?

G: Wenn wir einen Tatort betreten, müssen wir uns in die Sicht des Täters hineinversetzen. So können wir den Tatvorgang nachvollziehen und können an entsprechenden Stellen nach Spuren suchen. Je mehr Erfahrung man hierbei hat, desto besser kann man mit der Zeit auch Tatorte lesen. Anders als im Fernsehen haben wir jedoch die Herrschaft über den Tatort. Wenn die Spurensicherung eintrifft, müssen alle anderen Polizisten den Tatort verlassen, damit der Tatort nicht weiter verunreinigt wird.

Sind Meilensteine in der Kriminaltechnik, wie die Analyse von DNA-Spuren, noch in der Zukunft zu erwarten oder absehbar? Werden neue Methoden zur Spurensicherung entwickelt?

I: Ein großes neues Feld in der Kriminaltechnik eröffnet sich mit der zunehmenden Bedeutung von digitalen Spuren. ­Beispielsweise die Auswertung der Smartphone-Daten. Auch Täter hinterlassen digitale Spuren, wenn beispielsweise ihr Smartphone versucht, sich ins WLAN am Tatort einzuloggen. Heutzutage ist fast jeder Tatort voller elektronischer Geräte, die Daten sammeln, welche ausgewertet werden können.

G: Diese Spuren sind so verschieden von den klassischen Spuren und die Bandbreite so groß, dass wir dafür eine eigene
Abteilung haben. Zu Beginn hatten wir lediglich zwei Kollegen, die sich hierauf spezialisiert hatten. Inzwischen ist eine eigene Inspektion in der Kriminal­direktion entstanden mit verschiedenen Schwer­punkten in diesem Gebiet. Jedoch muss jeder Kriminaltechniker ein Gespür für digitale Spuren haben und darauf achten, dass er diese am Tatort nicht verfälscht. Beispielsweise muss man darauf achten, dass beim Starten eines Autos am Tatort gespeicherte Daten in der Systemsteuerung gelöscht werden könnten.

Wie entwickelt sich die Art der Fälle mit der Zeit in Karlsruhe? Gibt es bestimmte Verbrechen, die über die Jahre deutlich abnehmen oder zunehmen?

G: Der klassische Banküberfall gilt inzwischen als fast ausgestorben. Mit der ­modernen Technik von zeitverzögerten Sicher­heitssystemen und digitaler Überwachung von Bankfilialen ist ein Bank­überfall viel zu riskant geworden bei einer vergleichsweise geringen Ausbeute.
Dafür ist es ein Trend geworden, Bank­automaten in die Luft zu sprengen. Auch der Betrug im Internet hat stark zugenommen. Hierbei kann man hohe Geldsummen erbeuten, ohne sich einem so hohen Strafmaß wie im Falle eines bewaffneten Banküberfalls auszusetzen.

Was war Ihr bisher spannendster Fall?

G: Ende der 90er Jahre hatten wir einen Rettungssanitäter, der seine hochschwangere Frau umgebracht und sie anschließend in der Badewanne zerstückelt hat. Die Leichenteile hatte er dann einzeln ­entlang der Autobahn entsorgt. Aus kri­minal­technischer Sicht war dieser Fall ­besonders spannend, da der offensicht­liche Täter im Laufe des Gerichtsverfahrens häufig die Version seiner Darstellung verändert hat. Durch die Vielzahl an Spuren konnten wir jedoch am Ende genau herausfinden, was sich ereignet hatte. Die Komplexität und die besondere Herausforderung dieses Falles machen ihn aus kriminaltechnischer Sicht spannend.

Gibt es ein bestimmtes Erlebnis oder Ereignis, das Ihnen im Nachgang stark im Gedächtnis geblieben ist?

I: So ein Erlebnis hat hier jeder. Es ist auch für jeden verschieden. Besonders schlimm sind für mich Fälle mit Kindern und schwachen Personen, die dem Täter gegenüber wehrlos ausgeliefert sind.

G: Ein Fall, über den ich noch länger nachdenken musste, war die Geiselnahme mit fünf Toten in der Kanalstraße in Karlsruhe im Jahr 2012. Bei einer Wohnungsräumung nahm der ehemalige Besitzer der Wohnung den Gerichtsvollzieher, einen Schlosser und zwei weitere Personen als Geiseln und richtete diese sowie sich selbst hin. Das besonders gewalttätige Bild am Tatort und die Menge an Toten wirkte so bizarr, als wären sie wie Puppen in dem Raum verteilt.

* ASSERVATENLISTE
Eine Liste zum Nachvollziehen von Spuren, die neben der Beschreibung der Spur weitere Daten wie den Sicherungsort enthält.

* VERGEHEN UND VERBRECHEN
Verbrechen sind nach dem Straf­gesetzbuch rechtswidrige Handlungen, „die im Mindestmaß mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr oder darüber bedroht sind“ (§ 12 Absatz 1 StGB). Alle Straftaten, deren Mindeststrafe darunter liegt, sind als Vergehen einzuordnen (§ 12 Absatz 2 StGB). Als Kapitalverbrechen oder Kapitaldelikte werden (in der (polizeilichen) Umgangssprache) besonders schwere Straftaten bezeichnet, z. B. Mord und andere Verbrechen mit Todesfolge.

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