Foto: Sylwia Weronika Wąs

Was kann man sehen, wenn man bei einem nächtlichen Spaziergang in der Großstadt den Kopf in den Nacken legt? Leuchtreklame? Ein blinkendes Flugzeug? Vielleicht auch einen flimmernden Schweinwerfer, aber mit großer Wahrscheinlichkeit kaum einen Stern. Wer sich also ein romantisches Sternschnuppen-Date auf der Dachterrasse erhofft, wird womöglich enttäuscht sein, wenn sich nur der Mond blicken lässt. Woran liegt das? Wieso können wir heutzutage die Sterne so schlecht sehen?

von Isabell Gebhardt

Wer zum ersten Mal den Begriff Lichtverschmutzung hört, mag vielleicht stutzen. Neben den vielen anderen Formen von Verschmutzung soll die Umwelt jetzt auch noch unter Licht leiden? Doch die Folgen von Lichtverschmutzung sind weitreichender als sich zunächst vermuten lässt. Unter dem Begriff Lichtverschmutzung versteht man die Aufhellung des nächtlichen Himmels durch künstliches Licht, das in die verschiedenen Luftschichten der Erdatmosphäre gestreut wird. 60% aller Europäer haben mittlerweile nur noch einen stark eingeschränkten Blick auf die Milchstraße. Denn die weltweite Lichtverunreinigung nimmt laut Fabio Falchi und seinem Team vom italienischen Istituto di Scienza e Tecnologia dell’Inquinamento Luminoso weltweit rasant zu. So stellen vor allem die Astronomen große Gegner der Lichtverschmutzung dar: Sie bemängeln, wie wenig Sterne in einer eigentlich sternklaren Nacht mit bloßem Auge sichtbar sind. Besonders sogenannte Lichtglocken* über Großstädten machen die Sterne fast unsichtbar. Wo menschliche Ballungsräume sind, blitzt, blinkt und flackert es an allen Ecken. Laut Bob Gent von der International Dark-Sky Association verhalten sich Menschen in dieser Hinsicht wie Motten, die von hellem Licht angezogen werden.

Den Beginn der neuen artifiziellen Nachthelligkeit markiert die Erfindung und schnelle Ausbreitung des Gaslichts Anfangs des 19. Jahrhunderts. Innerhalb weniger Jahre baute beispielsweise Paris seine komplette Straßenbeleuchtung aus, gefolgt von London und St. Petersburg. Als 1879 Thomas Edison die Glühlampe vorstellte, begann endgültig das Zeitalter des künstlichen Lichts. Parks und Anlagen wurden nachts zugänglicher, düstere Straßen sicherer und die Produktivität in der Industrie enorm gesteigert. Doch die Nächte wurden nun mal auch zunehmend heller und dem Einfluss dieses Lichts auf Mensch und Tier wurde lange Zeit wenig Beachtung geschenkt. Während wir durch helle Nächte nachweislich schlechter schlafen und uns am Morgen weniger ausgeruht fühlen, wirkt die schwindende Dunkelheit nicht nur auf den Menschen. Der niederländische Physiologe Frans Verheijen untersuchte in den 1950er Jahren zum ersten Mal, wie Licht Tiere anlockt und deren Verhalten beeinflusst. Denn der Mensch ist zwar in der Lage sich durch Jalousien und Rollläden vor nächtlichem Licht zu schützen, andere Organismen sind dem Störfaktor jedoch schutzlos ausgeliefert. Die Wirkung von nächtlichem künstlichen Licht auf die Tierwelt ist vielfältig:

Die stetig zunehmende Helligkeit der Nacht bedeutet für die verschiedensten Organismen zunächst einmal langfristig Stress. Egal ob Insekt, Vogel oder Bakterium: Der regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht ist seit jeher ein wichtiger regulierender Faktor, der unter anderem die Reproduktion (insbesondere die Brutzeit) und die Futtersuche lenken kann. Schätzungsweise 60 Milliarden Insekten verenden jeden Sommer, weil sie bis zur völligen Erschöpfung um Straßenlaternen sirren und dort verbrennen – geködert vom künstlichen Licht. Einige Fledermaus-Arten profitieren jedoch durch diese Lichtquellen und haben durch diesen Köder ein leichtes Spiel. An Straßenlaternen finden sie jede Nacht ein wahres Festbankett vor.

Wenn Insekten – durch das verlockende Licht abgelenkt – gefressen oder von ihrer Arbeit abgehalten werden, leiden letztendlich auch etliche Pflanzen. Weil viele Arten auf Insekten-Bestäuber angewiesen sind, wirkt sich das Fernbleiben der Insekten auf die Fruchtproduktion der Pflanzen aus und hemmt diese schließlich. Was nachts versäumt wurde, kann tagsüber kaum kompensiert werden. Besonders an Vögeln lässt sich die zunehmende Lichtverschmutzung kritisch beobachten. Zwar ist schon länger bekannt, dass Vögel durch Licht erhebliche Orientierungsprobleme bekommen, doch vergleicht man beispielsweise eine Stadtamsel mit einer Waldamsel, lässt sich außerdem feststellen, dass die Tage der Stadtamseln länger sind und ihre Aktivität deutlich höher als die der Artgenossen aus dem Wald. Der Eingriff des Kunstlichts in den Hell-Dunkel-Rhythmus betrifft vor allem die männlichen Stadtamseln, deren Testosteronspiegel früher im Jahr ansteigt, was zu verfrühter Mauser führt. Auch mit ihrem Gesang beginnen sie früher im Jahr. Das immerwährende Licht der Stadt verändert den natürlichen Lebenstakt der Amseln also erheblich. Wie genau, ist allerdings noch nicht völlig ergründet. Möglich ist aber, dass sich die nächtliche Futtersuche der Amseln durch das Kunstlicht verändert und somit auch deren Stoffwechsel beeinflusst wird.

Weil Tiere sich aber nicht beschweren können und Straßenbeleuchtung bei Nacht für Bewohner von Industrie-Staaten mittlerweile so selbstverständlich ist, dass kaum ein Gedanke daran verschwendet wird, bleiben viele in Bezug auf die weitreichenden Folgen der Lichtverschmutzung im Dunkeln. So wären vielleicht auch viele überrascht über die horrenden Summen, die jedes Jahr für dieses Licht investiert werden. In Japan beispielsweise geht man davon aus, dass jährlich umgerechnet circa 150 Millionen Euro für künstliches Licht ausgegeben werden. Im Vergleich zu anderen Ausgaben Japans mag das keinen großen Anteil ausmachen, doch es ist trotzdem eine große Summe Geld, die man durch einige Maßnahmen deutlich verringern könnte. Wie sehen diese Maßnahmen aus? Eine Möglichkeit um nächtliche Lichtverschmutzung einzugrenzen, wäre zum Beispiel die Dauer der Beleuchtung zu limitieren. Wenn auf Straßen von Mitternacht bis vier Uhr morgens niemand unterwegs ist, müssen diese Areale auch nicht unbedingt beleuchtet werden. Denkbar wären in dieser Hinsicht auch Bewegungsmelder, die auf Autos oder Fußgänger reagieren. Beleuchtung gäbe es dadurch also nach Bedarf und nicht als ständigen Zustand. Auch die Einrichtung von „Licht-Schutz-Bereichen“, also Gebieten, die vor künstlichem Licht abgeschirmt werden, bilden eine Möglichkeit lichtempfindliche Tiere und Pflanzen zu schützen. Grundsätzlich muss nächtliches Licht aber nicht sofort erlöschen. Die Verringerung der Intensität von artifiziellem Licht oder die Änderung der spektralen Zusammensetzung der Beleuchtung dienen auch als sinnvolle Alternativen, um Lichtverschmutzung in Zukunft zu reduzieren.

Nachdem die Ursachen und Auswirkungen der beinahe sternlosen Nächte nun geklärt sind, bleibt doch die Frage, wo Mensch und Tier in den Industriestaaten aktuell noch ungetrübt die Sterne sehen können. Die besten Chancen dafür hat man in Deutschland beispielsweise auf dem Land, vor allem in der Eifel. Aber auch anderswo in Europa, in Schottland oder in den ländlichen Regionen von Norwegen, hat man einen weitestgehend ungetrübten Blick auf die Sterne. Wer also mal wieder eine Sternschnuppe oder ein Sternbild sehen möchte, sollte sich darüber bewusst sein, dass es nicht die Sterne sind, die zu schwach erstrahlen, sondern dass wir nicht aufhören, immer mehr mit ihnen in Konkurrenz zu treten.

 

*LICHTGLOCKEN

Sie entstehen vor allem über Großstädten. Die dort herrschende Luftverschmutzung begünstigt den diffusen Lichtsmog, da sich schlecht abgeschirmtes Licht aus allerlei Quellen an Schmutzpartikeln und Staub in der Atmosphäre bricht.

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