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Wie fühlt es sich an zu sterben? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Auf diese Fragen können keine nachweislichen Antworten gegeben werden. Doch manche behaupten genau das. Menschen, die meist an der Schwelle zwischen Leben und Tod standen und sich in einem Zustand des klinischen Todes befanden. Nachdem sie zurück ins Leben geholt wurden, berichten sie über paranormale Erfahrungen, die sich nicht immer erklären lassen.

von Jasmin Hermann

Wie an jedem schönen Sonntag im Sommer ist Paul mit dem Motorrad unterwegs. Die Straßen sind trocken, die Sicht perfekt und so fährt er etwas zu schnell in die Kurve. Er gerät ins Schlingern und knallt gegen die Leitplanke. Paul fühlt keinen Schmerz, während es sich anfühlt, als verlasse er seinen Körper. Keine Minute später sieht er von oben herab auf seinen Körper und wie die ersten Passanten heraneilen und sich um ihn kümmern. Er sieht, wie der Krankenwagen anhält, sein lebloser Körper auf die Trage gehoben und hinein transportiert wird. Paul fühlt sich dabei immer noch leicht, frei und voller Bewusstsein.
Auf der Intensivstation schwebt er an der Decke seines Zimmers mit Blick auf seinen Körper. Bald darauf nimmt er einen dunklen Tunnel mit einem hellen warmen Licht am Ende wahr. Magisch angezogen schwebt er hindurch. Er wird begleitet von Seelen, die ihm bekannt vorkommen. Sein verstorbener Opa begleitet ihn ein Stück des Weges. Wichtige, berührende Szenen aus seinem Leben laufen wie in einem Film vor ihm ab. Nun steht Paul direkt vor dem Licht und fühlt Frieden. Er genießt diesen Zustand, diese Ruhe und Liebe – bis er die Schranke vor sich sieht. Eine übergeordnete Stimme erklärt ihm, dass es noch nicht an der Zeit ist für ihn zu gehen. Und plötzlich: Schmerzen! Paul wacht im Krankenhaus auf. Er spürt nur noch Schmerz und ist etwas enttäuscht, aus diesem Frieden gerissen worden zu sein.

Viele Betroffene sind von ihrer Nahtoderfahrung ihr Leben lang gezeichnet und verlieren die Angst vor dem Tod

Diese Geschichte von Paul ist zwar erfunden, enthält jedoch wesentliche Elemente einer Nahtoderfahrung. Eine Vielzahl von Menschen berichtet vor allem über außerkörperliche Erfahrungen, Lichtvisionen (oft am Ende des Tunnels), Glücksgefühle, einem „Lebensfilm“, Begegnungen mit Verstorbenen und/oder Enttäuschung über die Rückkehr. Von Mensch zu Mensch werden diese Erfahrungen unterschiedlich erlebt, jedoch zeichnet sich oft ein ähnliches Grundmuster ab. Viele Betroffene sind von ihrer Nahtoderfahrung ihr Leben lang gezeichnet und verlieren die Angst vor dem Tod.
Nahtoderfahrungen umfassen eine Fülle von Erlebnisberichten über anormale Bewusstseinszustände, die sowohl akustisch als auch optisch wahrgenommen werden. Eine allgemein akzeptierte Definition gibt es nicht. Als Nahtoderfahrung werden diese Berichte bezeichnet, da besonders Menschen von solchen Phänomenen erzählen, die sich in einer lebensbedrohlichen Lage befunden haben. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese Erfahrungen in seltenen Fällen auch in nicht lebensbedrohlichen Situationen erlebt werden, wie zum Beispiel bei einem epileptischen Anfall oder gar während der Meditation.
Durch die hohe Zahl an Wiederbelebungsmaßnahmen wächst auch die Zahl an Patienten, die nach einem völligen Kreislaufstillstand (klinischer Tod) von ungewöhnlichen Erfahrungen und Erlebnissen berichten. Es wird geschätzt, dass 4 bis 15 Prozent der Bevölkerung bereits Nahtoderfahrungen hatten. Erhebungen und Studien zu Nahtoderfahrungen sind schwierig. Die Erinnerungen der Betroffenen sind subjektiv und können durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden. Zudem fällt es Vielen schwer, ihr Erlebtes in Worte zu fassen. Die Beurteilung, welches Erlebnis als eine Nahtoderfahrung bezeichnet werden kann, ist ebenso strittig. Um eine Nahtoderfahrung zu verifizieren, werden speziell dafür konzipierte Tests eingesetzt.
Nahtoderfahrungen gibt es vermutlich bereits seit langer Zeit, doch in den Fokus der Öffentlichkeit und der Forschung geriet dieses Phänomen erst in den 1970er Jahren. Der Philosoph und Psychiater Richard Moody veröffentlichte 1975 die Monografie „Life After Life“, einen Bericht über die von ihm durchgeführte Studie über Nahtoderfahrungen. Er befragte 150 Betroffene und entwickelte auf dieser Basis eine Liste von typischen Erfahrungen. Drei Jahre später wurde die International Association for Near-Death Studies gegründet. Seitdem wurden Studien durchgeführt, Bücher geschrieben und Gruppen gegründet, in denen sich die Betroffenen über ihre Erlebnisse austauschen können. Viele, die selbst solch eine Erfahrung hatten, sehen darin ein Indiz für ein Leben nach dem Tod und Gewissheit über das Jenseits. Zahlreiche Wissenschaftler hingegen vermuten dahinter natürliche Mechanismen.

Für manche Wissenschaftler steht fest: Das Bewusstsein ist mit der Funktion des Gehirns gekoppelt. Funktioniert das Gehirn nicht mehr, dann gibt es auch kein Bewusstsein mehr. Bei einem Herzstillstand setzt nach 20 bis 30 Sekunden auch das Großhirn aus. Wenn Bewusstsein also von der Hirnfunktion abhängt, wäre bewusstes, orientiertes und klares Denken ab diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich.
Somit kursieren unterschiedliche Ansätze, in denen versucht wird, Nahtoderfahrungen biologisch zu erklären.
Hypoxie, also Sauerstoffmangel, kann Körperaustrittphänomene und Déjà-vu-Erlebnisse hervorrufen. Gleiche Effekte können durch elektrische Stimulationen im Großhirn ausgelöst werden. Sie können unter anderem durch epileptische Krämpfe entstehen. Das häufig berichtete Tunnelerlebnis könnte beispielsweise durch eine ausgefallene oder gestörte Signalverarbeitung des Gesichtsfeldes erklärt werden, die bei einer Hypoxie zustande kommt.
Vladimir Negovsky, ein russischer Reanimationsforscher, interpretiert die Visionen als chaotische Sensationen, die durch ein fehlfunktionierendes Gehirn ausgelöst werden. Diese werden während des Sterbens oder der Reanimation durchlebt.
Andere Wissenschaftler entdeckten, dass Menschen, deren Sauerstoffgehalt im Blut während der Reanimation höher war, häufiger von einer Nahtoderfahrung berichteten.
Aber auch Endorphine werden als Erklärung herangezogen, da sie euphorisierend und schmerzlindernd wirken.
In einer Studie wurde ein Zusammenhang zwischen Erlebnissen unter dem Halluzinogen Dimethyltryptamin (DMT) und den Erlebnissen bei Nahtoderfahrungen gefunden. Probanden bekamen DMT injiziert und wurden mithilfe eines Fragebogens und der „Near-Death Experience Scale“ (NDE) beurteilt. Bei dem Vergleich der Ergebnisse mit den Resultaten von Personen, die über eine Nahtoderfahrung berichteten, wurden keine signifikanten Unterschiede festgestellt. Dies führte zu der Hypothese, dass das Gehirn während seines Ablebens DMT oder einen ähnlichen Neurotransmitter wie Serotonin ausschüttet und dies zu Halluzinationen führt.
Gerade außerkörperliche Erfahrungen sind für die Wissenschaft besonders interessant, da sie medizinisch nicht erklärt werden können. Dabei finden Wahrnehmungen statt, die vollständig außerhalb des Erfahrungshorizontes liegen und sich teilweise im Nachhinein verifizieren lassen. So konnte beispielsweise ein wiederbelebter Patient die Arzthelferin benennen, die ihm das künstliche Gebiss aus dem Mund nahm, während er klinisch tot war. Ein anderer konnte nicht nur eine genaue Beschreibung des Raumes, in dem er wiederbelebt wurde, geben, sondern auch Personen, Geräte und Gegenstände benennen. Sogar an Gespräche konnte sich der Patient erinnern. Diese Erfahrungen deuten darauf hin, dass das Bewusstsein eben nicht zwingend an das Gehirn gekoppelt sein muss.

Gerade außerkörperliche Erfahrungen sind für die Wissenschaft besonders interssant, da sie medizinisch nicht erklärt werden können

Doch wie können Menschen, die klinisch tot waren, nachweislich über ihre Reanimation und deren Umstände berichten?
Um herauszufinden, ob reanimierte Patienten objektiv verifizierbare Erfahrungen schildern können, wurden in 25 Kliniken Bilder auf Regalen positioniert. Diese können nur von oben betrachtet werden. Im Fall einer außerkörperlichen Erfahrung erwartete man, dass der Betroffene im Nachhinein von diesem Bild berichten könnte. Von den 330 Überlebenden nach Herzstillständen wurden circa 100 Betroffene interviewt. Davon hatten 55 Personen nahtodtypische Erfahrungen*. Klassische Nahtoderfahrungen hatten sieben Personen. Zwei davon hatten genaue visuelle und auditive Wahrnehmungen der Umgebung des Raumes, in dem ihre Reanimation stattfand. Diese Wiederbelebungen fanden jedoch nicht in einem Raum statt, der vorher mit Bildern ausgestattet wurde. Somit konnte diese Untersuchung keine statistisch signifikanten Aussagen über eine Existenz von Bewusstsein nach dem klinischen Tod treffen. Jedoch verliert das Argument, dass Bewusstsein untrennbar mit der Funktion des Gehirns verbunden sei, weiter an Boden. Denn wie die zwei Betroffenen solche klar verifizierbaren Aussagen machen konnten, bleibt weiterhin ungeklärt.

* NAHTODERFAHRUNG
Mithilfe der Greyson Near-Death-Scale kann beurteilt werden, ob es sich bei den berichteten Erlebnissen um eine klassische Nahtoderfahrung oder z.B. nur um eine nichtspezifische Stressreaktion handelt. Die Skala beinhaltet 16 Fragen, die jeweils unterschiedlich gewichtet beantwortet werden können. Mit einer Punktzahl von sieben oder höher (von 32 möglichen Punkten) wird das Erlebte als Nahtoderfahrung bezeichnet.
Die Personen mit nahtodtypischen Erfahrungen erreichen die Schwelle von sieben Punkten nicht. Sie berichteten zwar von einzelnen Erlebnissen, die bei einer Nahtoderfahrung ebenfalls vorkommen, jedoch reichen sie nicht aus, um das Erlebte als Nahtoderfahrung zu bezeichnen.

Weiterführende Literatur
U. Fauth und A. Rümelin 2003: Nahtoderfahrungen. Phänomenologie, Erklärungsmodelle und klinische Bedeutung.

Jasmin Hermann
studiert Wissenschaft-Medien-Kommunikation am KIT im siebten Semester. Statt für ihre Bachelorarbeit zu recherchieren, schreibt sie lieber einen Artikel für den KT.

Herausgeber

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