Foto: Jie Wu

Träume* haben die Menschheit seit jeher fasziniert. Ihre Deutung reicht von Botschaften der Götter und Visionen für die Zukunft über Bilder des Unbewussten bis hin zum Spiegel innerer psychischer Prozesse, Gefühle und Gedankenmuster. Wie Träume tatsächlich zu interpretieren sind, untersucht heutzutage die Disziplin der Traumforschung aus einer wissenschaftlichen Perspektive.

von Viktoria Medvedenko

„Es ist Nacht. In großen Schritten laufe ich eine Treppe empor, hinauf auf das Dach eines Hochhauses. Mir gegenüber steht ein feindlicher Agent und wartet schon auf den Kampf. Ich greife an. Dank meiner Superkräfte fühlen sich meine Tritte kraftvoll und meine Hiebe blitzschnell an. Ich scheine zu gewinnen…“

Da ich mehrmals pro Woche solche abenteuerreichen Träume erlebe, wollte ich mich tiefer damit auseinandersetzen und begab mich auf die Suche nach ihrer Bedeutung. Dabei fragte ich mich, ob Träume einfach nur ein buntes Gemisch aus Wacherfahrungen und physischen Eindrücken im Schlaf darstellen oder vielmehr einen Blick in die eigene Seele bieten. Fungieren Träume vielleicht sogar als innerer Therapeut, der uns nächtlich behandelt oder uns etwas mitteilen möchte?

Wissenschaftlich fundierte Antworten auf diese Fragen fand ich beim Traumforscher Michael Schredl, der in seinem Buch ­Träume – Unser nächtliches Kopfkino die Erkenntnisse der modernen Traum­forschung zusammenfasst. Im Folgenden werden daraus die wichtigsten Resultate im Hinblick auf die Interpretation von Trauminhalten vorgestellt.

«Die Traumforschung untersucht Zusammenhänge zwischen Wachleben und Traumwelt»
Zunächst sind Traumdeutung und Traumforschung voneinander abzugrenzen: Für die traditionelle Traumdeutung kursieren etliche Bücher und Webseiten, die spezifischen Traumsymbolen wie Landschaften, Personen und Gegenständen ganz feste Bedeutungen zuweisen. Aus psychologischer Sicht gilt diese Form der eindeutigen Interpretation von Trauminhalten ­jedoch als überholt. Während sich die Traumdeutung also damit beschäftigt, von der Traumwelt direkt auf das Wach­leben des Träumenden zu schließen, geht die Traumforschung wissenschaftlich vor: Versuchspersonen werden zunächst auf bestimmte Merkmale im Wachleben hin untersucht und erst im Anschluss wird ermittelt, welche Zusammenhänge zwischen diesen realen Merkmalen und Trauminhalten bestehen.

So konnte beispielsweise ein leicht statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Flugträumen und positiven Gefühlen im Wachleben nachgewiesen werden. Umgekehrt scheint das Auftreten von Fallträumen mit Ängsten sowie Befürchtungen in der Realität zu korrelieren. Man könne jedoch nicht von jedem Fliegen bzw. Fallen im Traum direkt auf ein überglückliches oder tieftrauriges Leben schließen, betonen Forscher und Psychologen. Jeder Traum sei vielschichtig und solle nicht auf darin enthaltene Symbole reduziert werden.

«Träume stellen keine Wunschvorstellungen, sondern Wach­erfahrungen dar»
Wie in vielen anderen wissenschaftlichen Disziplinen liefern auch Studien in der Traumforschung nicht immer eindeutige Ergebnisse. Bisweilen widersprechen sie sich sogar, z. B. aufgrund verschiedener Mess- und Befragungsmethoden. Bezüglich der Interpretation von Trauminhalten herrscht jedoch mehrheitlich Konsens über die sogenannte „Kontinuitätshypothese“. Diese besagt, dass Träume nicht etwa Wunschvorstellungen darstellen oder die Realität kompensieren, sondern unsere täglichen Gefühle, Gedanken und grundlegenden Handlungsmuster in der Wachwelt weitestgehend spiegeln. Aufgrund ihrer bizarren Elemente und Verknüpfungen erscheint die Traumwelt zwar oft von der Realität abgekoppelt. Die moderne Psychologie geht jedoch davon aus, dass unsere Träume uns bei Nacht ­gerade das Tagleben erneut vor Augen führen.

Obwohl auch manchmal Kleinigkeiten aus dem Alltag und physische Einflüsse der Schlafumgebung ihren Weg in das Traumgeschehen finden, thematisieren Träume in erster Linie jene positiven und negativen Wahrnehmungen, Empfindungen und Erlebnisse, die uns bei Tag am meisten beschäftigen. Je emotionaler und intensiver ein Ereignis in der Realität wahr­genommen wird, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, davon zu träumen. Es sind daher unsere ganz persönlichen Sternstunden im Sinne von Hoch- und Tiefpunkten im Leben, die uns den Schlaf versüßen oder auch rauben können.

Besonders einschneidende Erlebnisse wie eine Hochzeit oder Schwangerschaft, aber auch bevorstehende medizinische Eingriffe oder eine Scheidung wirken sich oft ganz eindeutig auf die Trauminhalte aus. Doch auch verschiedene Phasen im Leben und leichte Veränderungen der ­Gewohnheiten können das Traumgeschehen subtil verändern: Verbringt man z. B. eine längere Zeit allein, so zeigt sich auch das Traum-Ich ohne Begleitung. Ist man hingegen hauptsächlich in männlicher bzw. weiblicher Gesellschaft, unterhält sich das Traum-Ich auch häufiger mit Männern bzw. Frauen.

Aufgrund dieser Übereinstimmung zwischen Traum- und Wachwelt können Traum­erinnerungen gezielt genutzt werden, um eine Person und ihre aktuelle Lebenssituation aus psychologischer Sicht besser zu verstehen. In den Anfängen der Psychoanalyse hörte deshalb eine andere Person, z. B. der Therapeut, den Traum an und überlegte, was der Traum für den Träumer bedeuten könnte. Dieses Vor­gehen ist jedoch insofern problematisch, als eine fremde Deutung mehr über die deutende Person aussagt als über den Traum. Tatsächlich nimmt der Träumende das Traumgeschehen individuell ganz anders wahr, als es ein anderer Mensch jemals anhand seiner Beschreibung nachvollziehen könnte. Dies zeigt sich z. B. ­darin, dass die Träume von nach Freud therapierten Patienten eher intensive Emotionen sowie die Themen Aggression, Sexualität und Konflikte aufwiesen. Die Träume von nach Jung therapierten Patienten waren hingegen eher mythologisch und enthielten viele auf die Kindheit zurück­greifende Elemente.

«Ein Traum kann nur vom Träumer selbst verstanden werden»
Je nach Therapeut erhielt man daher früher eine andere Deutung derselben Traum­­beschreibung. Dies verdeutlicht umso mehr, dass es eine feste Bedeutung für Träume oder bestimmte Traumsymbole nicht geben kann. Auf der Suche nach der wahren Bedeutung der eigenen Träume mag diese Erkenntnis zunächst ernüchternd wirken. Gleichzeitig betont sie, dass ein Traum letztlich nur vom Träumer selbst verstanden werden kann, und eröffnet ganz neue Möglichkeiten, sich mit Träumen zu beschäftigen: An die Stelle dieser „Traumdeutung durch Fremde“ tritt heutzutage die sogenannte „Traumarbeit“, welche ganz explizit die Ideen und Einfälle der träumenden Person einbezieht.

«Gedanken, Gefühle und Handlungen des Traum-Ichs werden bei der Traumarbeit reflektiert»
Der primäre Nutzen der Traumarbeit liegt darin, dass der Träumende sich selbst reflektiert, zum Nachdenken und Nach­fühlen angeregt wird und die im Traum eventuell angedeuteten Probleme in der Realität selbst lösen kann. Die Symboldeutung wird dabei vollkommen überflüssig. Stattdessen wird der Fokus auf die Gedanken, Gefühle und Handlungen des Traum-Ichs gelegt und ein Vergleich zur eigenen realen Welt gezogen. Traum­arbeit geht so zwar mit mehr Aufwand für den Träumenden einher, das Ergebnis ist jedoch zufriedenstellender und bietet die Erfüllung, ein privates Rätsel selbst gelöst zu haben.

Diese persönliche Auseinandersetzung mit Trauminhalten kann sich z. B. der Gestalt­therapie bedienen. Dabei schlüpft man selbst in die Rolle eines Gegenstands oder einer Person im Traum und führt einen Dia­log mit dem Traum-Ich, bis das Traumgeschehen besser verstanden wird oder man zur Lösung oder Versöhnung gelangt. Schredl wiederum schlägt ein simpleres Vorgehen anhand der folgenden sechs Schritte und den dazugehörigen Fragen vor:

  1. Vergegenwärtigen des Traumes
    – Woran erinnere ich mich?
  2. Aufschlüsseln der Trauminhalte
    – Wie fühle ich mich im Traum?
  3. Untersuchen der Handlungen im Traum
    – Wie handle ich im Traum?
  4. Vergleich von Traum- und Wach­­erleben
    – Was hat der Traum mit meinem Leben zu tun?
  5. Suchen nach Lösungsansätzen
    – Gibt es Lösungen in der Traumwelt?
  6. Umsetzen der Lösungsansätze
    – Wie setze ich die Lösung in der Wachwelt um?

Ein Traumtagebuch erleichtert bei dieser Methode die Traumarbeit erheblich. Darin sollten die Traumerinnerungen am besten direkt nach dem Erwachen eingetragen werden. Ein Traumbericht kann so bereits die ersten drei Fragen nach dem Geschehen, den Gefühlen und den Handlungen beantworten. Werden im Traum Probleme aus der Wachwelt identifiziert, so sollen auf der Suche nach Lösungen verschiedene Handlungsalternativen zunächst in der Traumwelt durchgespielt werden. Dabei stellt man sich bildlich vor, wie durch veränderte Aktionen des Traum-Ichs das Geschehen vermutlich beeinflusst wird. Erfolgreiche Lösungsansätze im Traum sollen im Anschluss auch in der Realität angewandt werden.

Ein Traum gilt dabei als „richtig verstanden“, wenn diese systematische Auseinandersetzung zufriedenstellende Resul­tate im Wachleben hervorbringt. Dies kann z. B. die Lösung eines Streits, eine Verhaltensänderung oder auch eine künstlerische Inspiration beinhalten. Alles in allem bergen unsere Träume somit das Potential, das eigene Leben in die Welt zu verwandeln, von der wir träumen.

 

*TRAUM
Träumen ist die psychische Aktivität während des Schlafes. Der Traum oder Traumbericht ist die Erinnerung an die psychische Aktivität während des Schlafes. Psychische Aktivitäten bezeichnen dabei das Erleben von Wahrnehmungen sowie Fühlen und Denken.

*SCHLAFPHASEN

Es wird zwischen vier Schlafphasen unterschieden: Einschlafen, Schlafen, REM (Rapid Eye Movement)-­Schlaf und Tiefschlaf. Ein gesunder Mensch ohne Schlafstörungen verbringt bei einer Schlafdauer von acht Stunden etwa 5 % der Zeit im Wachzustand, 5 % in der Einschlafphase, 50 % in der Schlafphase, 20 % im REM-Schlaf und 20 % im Tiefschlaf.

*LUZIDER TRAUM

Ein luzider Traum, auch Klartraum genannt, ist ein Traum, in dem sich das Traum-Ich dessen bewusst wird, dass er träumt. Manchmal verfügt das Traum-­Ich dabei auch über die Fähigkeit, Traumumgebung und -geschehen aktiv zu beeinflussen.


 

Traummythen, die NICHT stimmen

  1. „Man träumt nur im REM-Schlaf“ – Träume treten in allen Schlafphasen* auf: Einschlaf-, Schlaf , REM- und Tiefschlafphasen. An die Träume aus dem REM-Schlaf erinnert man sich lediglich am häufigsten und sie sind emotionaler und bizarrer als Träume in anderen Schlafphasen.
  2. „Ein Traum dauert nur wenige Sekunden“ – Untersuchungen mit luziden Träumern* haben ergeben, dass die Zeit im Traum etwa genauso schnell vergeht wie in der Realität. Dauert etwas im Traum zehn Sekunden, vergehen auch in der Realität zehn Sekunden. Ein Traum mit mehreren Szenenwechseln kann auch über mehrere Stunden hinweg geträumt werden.
  3. „Manche Menschen träumen nicht“ – Sofern keine speziellen Hirnschäden vorliegen, träumt jeder Mensch. Manche Personen erinnern sich nur nicht daran. Ein Traumtagebuch und eine positive Einstellung gegenüber dem Träumen helfen, sich häufiger an Träume zu erinnern.
  4. „Horrorfilme führen zu Alpträumen“ – Trauminhalte lassen sich zwar durch Manipulationen beeinflussen. Es werden aber nur Inhalte in Träume aufgenommen, wenn das Leben des Träumenden tatsächlich davon betroffen ist, keine Inhalte eines fiktiven Films per se.

 

Traummythen, die (zum Teil) stimmen

  1. „Schlaf unterstützt das Lernen“ – Ja, aber nur wenn im Wachzustand gelernt wird. REM-Schlaf ist wichtig für die Festigung des „prozeduralen Gedächtnisses“ zum Erlernen von Fähigkeiten wie Fahrradfahren, Klavierspielen oder Techniken im Sport. Tiefschlaf ist wichtig für das „deklarative Gedächtnis“ zur Speicherung von Fakten. Es ist daher sinnvoll, in einer Lernphase zwischendurch genug zu schlafen. Während des Schlafes selbst, z. B. Vokabeln anzuhören, führt jedoch zu keiner Verbesserung der Vokabelkenntnis.
  2. „Männer und Frauen träumen von unterschiedlichen Dingen“ – Es stimmt. Der Grund hierfür liegt jedoch in der Gesellschaft, in welcher die Geschlechter unterschiedlich sozialisiert sind. Letztlich träumen Menschen von dem, was ihr Leben intensiver beeinflusst. Dass Person A von anderen Dingen träumt als Person B, liegt an ihrer unterschiedlichen Wahrnehmung des Wachlebens.
  3. „Die Augen des Träumenden bewegen sich genauso wie im Traum“ – Im Schlaflabor wurden Träumende bei Feststellung spezieller Augenmuster geweckt. Es konnten in verschiedenen Studien vereinzelt Ähnlichkeiten zwischen Augen­bewegungen im Traum und Bewegungen der ver­schlossenen Augen in der Realität festgestellt werden.
  4. „Gute Gerüche bringen angenehme Träume“ – Kurzzeitig dosierte Gerüche wie Rosenduft führen tatsächlich zu positiveren und verfaulte Eier zu negati­veren Träumen. Wenn der Duft jedoch durchgängig besteht, gewöhnt man sich daran und die Wirkung auf Träume bleibt aus.

Buchtipp
Michael Schredl,
Träume – Unser nächtliches Kopfkino. Springer Spektrum, 2007.


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