Foto: Lena Kaul

Was sind in deinem bisherigen Leben deine persönlichen Sternstunden gewesen, also besonders prägnante persönliche Erlebnisse oder Ereignisse? Wie würdest du deinem Chef, deinen Eltern, deinen Freunden, im Fernsehinterview, beim ersten Date oder in deinem privaten Tagebuch auf diese Frage antworten? Wir befassen uns mit zwei Aspekten: Erstens, warum sind einige Antworten vermutlich unterschiedlich und zweitens, warum ist die Sternstunde überhaupt eine Sternstunde? Vordergründig sind glückliche Ereignisse einfach da, um genossen zu werden. Wir arbeiten hart, manchmal monate-, jahre- oder sogar jahrzehntelang in freudiger Sehnsucht auf die nächsten Sternstunden. Was steckt hinter diesen Erlebnissen und haben wir überhaupt Kontrolle darüber, was für uns eine Sternstunde war, ist und sein wird?

von Kai-Yang Lee

 

„Wie war dein Urlaub auf Bali?“ – „Einfach unglaublich. Ich habe noch nie so viel erlebt und mich gleichzeitig so gut entspannen können. Komm, ich zeige dir meine Fotos. Hast du eigentlich auch Instagram?“ Gespräche wie diese schnappt man hier und dort immer mal wieder auf, teilweise sogar aus dem eigenen Munde. Manchmal ist es uns einfach wichtig, dass beim Gesprächspartner der Eindruck entsteht, dass der Urlaub die perfekte Erholung, das beste Abenteuer und einfach lohnenswert war. Was zunächst unaufrichtig anmutet, ist auf den zweiten Blick verständlich, denn man selbst ist meist auch nicht in der Lage, die psychologischen Intentionen zu durchschauen: Menschen neigen dazu, bestimmte Zeitabschnitte beispielsweise als „gut“, „schlecht“, „lohnenswert“ oder „ich habe wenigstens daraus gelernt“ zu bewerten. Dies betrifft nicht nur zeitliche Abschnitte, sondern es werden auch Orte, Menschen und Dinge mit einem solchen „Label“ versehen. Persönliche Erlebnisse bewerten wir nicht nur im Nachhinein, sondern es beginnt vielmehr schon während des Erlebten selbst. Es geht sogar so weit, dass Bewertungen in Form von fiktiven Dialogen schon vor der eigentlichen Handlung abgegeben werden und diese somit die Handlung an sich bestimmen.

Wie ist das zu verstehen? So hat man beispielsweise für den lang ersehnten Urlaub sein erspartes Geld investiert und dazu noch für den Traumbody wochenlang Diät gemacht und Stunden im Fitnessstudio verbracht. Der Urlaub muss einfach als „geil“ deklariert werden. Unabhängig davon, wie man ihn selbst erlebt hat, wird durch die Verbreitung der Information „es war geil“ und die Folgen dieser Informationsverbreitung die Realität geschaffen, die letztlich auch einen selbst überzeugen soll. Je unbewusster dieser Vorgang, desto erfolgsversprechender. Man macht im Urlaub Fotos, um sie anschließend anderen zu zeigen. Würde man genauso viele Fotos machen, wenn man vorher mit hundertprozentiger Sicherheit wüsste, dass sie niemand sehen wird? Ich nicht. Und wie aus dem Nichts ersinnt unser Gehirn innere Dialoge, wie „Ach ja, und hier war ich an dem schönsten Strand, der Sand war weiß und die Atmosphäre paradiesisch.“ Die Kamera wird auf den Sandstrand gerichtet, fokussiert und „klick“, das passt, überzeugend genug. Ist man wieder zurück in der Heimat und in seinem gewohnten sozialen Umfeld, fällt es einem nicht mehr schwer, sich selbst zu überzeugen, dass es „geil“ war. Am besten überzeugt man andere, wenn man selbst überzeugt ist – es ist ein wechselseitiger Prozess.

Dies ist die eine Seite, die Seite der „offiziellen Sternstunden“. Wie sähe es aus, wenn man beispielsweise anhand von ständigen Hormontestanalysen die tatsächlich beeindruckendsten und glücklichsten Momente offenlegte? Ich bin mir sicher, man wäre oft selbst sehr überrascht. Klar sind es häufig die gesellschaftstauglichen Glücksmomente wie Rafting, Skifahren, Bungeejumping oder Feiern. Auf der anderen Seite können jedoch Situationen und damit verbundene Gefühle auftreten, die man weder der Gesellschaft noch sich selbst zugestehen möchte. Situationen, in denen innere animalische Instinkte und Gefühle die Überhand gewinnen, jenseits von jeglichen gesellschaftlichen Normen und moralischer Akzeptanz. Wer möchte schon gerne offenlegen, dass man sich nach einer Straßenschlägerei zum ersten Mal richtig lebendig gefühlt hat, sich endlich einmal bewiesen hat, ohne dass es sich nur in der Fantasie oder im Kampfsporttraining abgespielt hat? Oder dass man sich als Frau von einheimischen Beachboys hat verwöhnen lassen und sich zum ersten Mal wieder begehrenswert gefühlt hat, nachdem man seine jungen Jahre schon lange hinter sich hat?

Der Unterschied zwischen „offiziellen Sternstunden“ und „Hormontest-Sternstunden“ kann auch aus evolutionärer Sichtweise betrachtet werden. Denn die größte Herausforderung der Umgebung des Homo sapiens bestand zumeist nicht nur aus Dürreperioden, Eiszeiten oder physischen Angreifern, sondern aus Mitmenschen, unter denen er sich durch Kooperation, Zusammenarbeit, aber auch durch Durchsetzung, zu einem höheren sozialen Status behaupten musste. Ein hoher Status bedeutete hohen Einfluss in der Entscheidung über Ressourcen- und Beuteverteilung. Somit sind die Rolle und der Stand in der Gesellschaft von ganz entscheidender Bedeutung, denn davon hängt das Überleben und die Weitergabe der Gene ab. Daher werden Bewegungen, Handlungen, Beziehungen und auch eigene Gedanken, die direkt oder indirekt einen evolutionären Vorteil mit sich bringen, mit Glückshormonen belohnt und durch das Gedächtnis positiv konditioniert. Für den Menschen sind soziale Kontakte von zentraler Bedeutung und wenn ein Urlaub eben den Status hebt, sei es auch nur minimal, dann wird es genutzt. Ob dies bewusst oder unterbewusst geschieht, ist nicht entscheidend, denn sein eigener Status ist auch bei den Mitmenschen unterbewusst verankert. Vermittelt man unbewusst eine statussteigernde Information, ist dies sogar effektiver, denn absichtliches Zurschaustellen wird fast immer (bewusst oder unterbewusst) vom Gegenüber erkannt.

Wie sieht es bei wirklichen Sternstunden aus? Fallen sie einfach vom Himmel oder steuern wir mehr oder weniger bewusst auf unser Glück zu? Die Glücksmomente entstehen durch Ausschüttung sogenannter Glückshormone: Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Endorphine, Oxytocin und Phenethylamin. Einige Studien besagen, dass jeder Mensch aufgrund seiner Gene, der Erziehung und des Umfeldes unterschiedliche Startbedingungen, also unterschiedliche Startkonfigurationen seiner Hormonlandschaft hat. Glücksgefühle werden dann als besonders prägend wahrgenommen, wenn ein Erlebnis, eine Begegnung oder eine Handlung die richtigen Hebel der bisherigen Hormonkonfiguration bedient, sodass ein Glücksfeuerwerk ausgelöst wird. Die richtigen Hebel müssen in der richtigen Reihenfolge, im richtigen Zeitabstand und mit der richtigen Kraft bedient werden. Wird diese Hebelkombination auf eine andere Person mit einer unterschiedlichen Hormonkonfiguration eins zu eins übertragen, wird dieser Person möglicherweise nur ein Gähnen entlockt.

Viele Filme, Bücher und Lieder empfindet man als überwältigend und empfiehlt sie begeistert an Freunde weiter. Lassen Letztere sich endlich darauf ein, wird man häufig enttäuscht, da sie nichts dabei empfinden: Sie wissen nicht, dass einen das Buch oder der Film als Kind unglaublich fasziniert hat oder einem das Lied nur deswegen gefällt, weil es an eine schöne Zeit erinnert. Man selbst wird an das damalige Hormonfeuerwerk erinnert, andere eben nicht. Fragt man also verschiedene Menschen nach ihren Sternstunden, sind die Antworten genauso vielfältig wie die Menschen selbst: die Eins im Abitur, der erste Kuss, die Gründung der eigenen Firma, das erste Auto, der Trip nach Amsterdam, der Trip in Amsterdam, das lang ersehnte Treffen mit Justin Bieber oder sogar weniger öffentlichkeitstaugliche Glücksmomente wie Unglücke des Rivalen oder das erste Lob des Vaters nach Jahren.

Auch wenn die Hormonkonfiguration von Mensch zu Mensch verschieden ist, gibt es immer noch große Übereinstimmungen. Fast alle sind sich einig, dass ein leckeres Stück Torte zum Glücksempfinden beiträgt oder dass eine bestandene Klausur glücklich macht. Neben diesen Konstanten darf nicht vergessen werden, dass sich Hormonkonfigurationen ebenfalls von Moment zu Moment ändern. Der erste Kuss bewirkt noch ein Feuerwerk, während sich nach dem zwölften Kuss die Ausgangslage verändert hat, sodass die Hebelkombination keine derartigen Glücks­gefühle mehr auslöst, vielleicht ­sogar eher Stresshormone Überhand gewinnen. Genauso wie nach einem zwölften Stück Torte innerhalb einer Stunde wohl ganz andere Ausschüttungen bevorstehen.

Offensichtlich sind daher nicht die Erlebnisse selbst Sternstunden, sondern die daraufhin folgenden Hormonausschüttungen. Die Erlebnisse selbst sind nur Variablen, die Hormonlawinen auslösen. Durch die richtigen Hebel in Kombination mit den richtigen Variablen werden Hormone, nicht nur Glückshormone, ausgeschüttet. Natürlich spielt diese Sicht im Alltag der Mehrheit keine große Rolle, denn man verwendet ständig seine Energie, um eben die richtigen Hebel zu finden. Man setzt das Leben also mit den Variablen gleich, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, anstatt über die biochemischen Auswirkungen nachzudenken, die wir ja sowieso spüren. Die Evolution hat uns mit einem Körper und Geist ausgestattet, der sein Erlebtes in gut, schlecht und neutral einteilt. Gut ist, was weiterhin auf der evolutionären Schiene Erfolg verspricht, wobei die Gründe und Argumente auf den ersten Blick nicht unbedingt offensichtlich sind.

Drogen oder auch Medikamente, die direkt die biochemische Karte ausspielen, führen zu augenblicklichen Gefühlswallungen, die normalen Lebens­variablen umgehend. Dabei besteht dann die größte Suchtgefahr, wenn die Droge die einzige Variable im Leben ist, die von den ­Hebeln noch effektiv bedient wird.

Dieser Vorgang ist quasi unermüdlich, denn nach jeder Hormonkonfigurationsänderung schafft man neue Zustände und manchmal dauert es Jahre, um das nächste Feuerwerk auszulösen. Hat man eine Konfiguration endlich erreicht, sehnt sich unser Körper als evolutionäres Produkt rastlos nach neuen Kicks. Für den nächsten Kick, eine neue und komplexere Hormon­konfiguration, müssen wie in einem Logikpuzzle mit steigendem Schwierigkeitsgrad Variablen hin- und hergeschoben werden. Tendenziell muss man für ein höheres Level immer mehr Variablen bewegen, verschieben, schaffen oder vernichten. Hat man ein bestimmtes Ziel vor Augen, das eine nächste günstige Gesamtkonfiguration verspricht, können zwischendurch sogar negative Konfigurationen als Zwischenstufen vorkommen, was jeder Student in einer Prüfungsphase bestätigen wird.

Dieser durch die Evolution automatisierte und deshalb kaum wahrnehmbare Mechanismus dirigiert uns durch das Leben. Allerdings treten in der heutigen Gesellschaft auch oft Situationen auf, in denen die Erkenntnis über diesen Mechanismus weiterhilft. Diese Erkenntnis wiederum ist ebenfalls ein Hebel für neue Glückszustände und hilft dabei, sich von alten negativen Variablen loszusagen, von denen man unwissentlich abhängig war. Allein das Nachdenken darüber verschafft einem die Möglichkeit, negative Erlebnisse nicht zu sehr auf sich selbst zu beziehen. Außerdem wird dadurch mehr Verständnis anderen Menschen gegenüber aufgebracht, da deren persönliche Hormonkonfigurationen wahrgenommen und respektiert werden, anstatt die Taten anderer anhand der eigenen Konfiguration zu bewerten. Darüber hinaus kann man nüchtern seine Ziele neu analysieren und aussortieren: Ist es immer noch mein Ziel, nachdem ich weiß, warum es mein Ziel ist? Und gibt es in der Zukunft Sternstunden, die ich sonst übersehen hätte.

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