Foto: Alessa Auerswald

Aurora borealis – Nordlichter. Sie faszinieren Menschen schon seit über 2000 Jahren. Jeder kennt die Bilder, auf denen der Himmel glüht. Doch wie ist es, die Lichter in Wirklichkeit zu sehen? Wie kommt es dazu, dass wir trotz wissenschaftlicher Aufgeklärtheit fasziniert von diesem Phänomen sind? Und war die Faszination für die Polarlichter schon immer in den Menschen verankert?

von Alessa Auerswald

Es ist 23 Uhr und ich liege in meinem Bett, als ich plötzlich ganz viele laute Stimmen höre: Lachen, Kreischen und aufgeregtes Durcheinander. Ich liege allerdings nicht in meinem Bett in Karlsruhe, Deutschland, sondern in meinem Wohnheim-Bett in Tromsø, Nordnorwegen. Es ist Ende August und das heißt, dass es nach circa drei Monaten endlich wieder dunkel wird. Hier, auf dem 69. Breitengrad und damit über dem Polarkreis, prägen midnattsol (Mitternachtssonne) und mørketid (Dunkelzeit) die Jahreszeiten.
Aber warum diese plötzliche Aufregung vor meinem kleinen, gelben, norwegischen Häuschen? Von der Neugierde getrieben ziehe ich meine Hausschuhe an, werfe einen Pullover über und begebe mich mit meinen Mitbewohnerinnen vor die Haustüre. Studierende aus den roten und gelben Nachbarhäusern empfangen uns ganz aufgeregt und deuten auf den Himmel. Sie starren mit großen Augen und manch einer Freudenträne nach oben. Ich sehe nichts. Meine Augen sind noch an die Beleuchtung im Zimmer gewöhnt. Rasch passen sie sich an die Dunkelheit an: Ich schaue zum Himmel auf und erkenne einen ganz schwachen grünen Streifen am schwarzen Nachthimmel. Das war das erste Nordlicht für mich, meine Mitbewohnerinnen, Nachbarinnen und Nachbarn – und das erste sichtbare Nordlicht nach der midnattsol. Zufrieden und mit steifem Nacken vom Hochgucken schlendern wir gemütlich wieder zurück in unsere warmen Betten.
Während es heute wissenschaftlich fundierte Erklärungen gibt und ich die flackernden Lichter ohne Sorge beobachte, konnten die Menschen früher nicht so entspannt und fasziniert wie ich in den Himmel schauen. Über die Jahre gab es die unterschiedlichsten Erklärungsversuche, Mythen und Herleitungen. Schon der griechische Philosoph Aristoteles (384 v. Chr. bis 322 v. Chr.) hat über Erscheinungen am Himmelszelt über Griechenland geschrieben. Zu dessen Zeit konnte man das Natur­spektakel auch in südlicheren Breiten ­beobachten, die vorherrschende Farbe war rot.*
Die allererste Nordlicht-Sichtung lässt sich jedoch viel früher datieren: In der Nacht vom 12. auf den 13. März 567 v. Chr. war laut babylonischen Berichten ein unüblicher roter Schimmer am Nacht­himmel zu sehen. Und wie es für Menschen so üblich ist, suchte man auch damals plausible Erklärungen für diese merkwürdigen Erscheinungen. Warum sind diese roten ‚Lanzen‘ und ‚Schwerter‘ am Himmel? Warum sind sie ausgerechnet dann erschienen, als der Kaiser gestorben ist? Wie bewegen sich Lichter über das Firmament, wenn das Himmelszelt unbeweglich ist? Es musste ein Zusammenhang zwischen Unheil und rotem Licht am Himmel bestehen.
Auch im Mittelalter wurde das Leuchten am Himmel selten als guter Vorbote gedeutet: Tod, Pestwellen und Hungersnöte prägten die damalige Gesellschaft. Und auch in dieser Epoche gab es Nordlicht-­Sichtungen in Mitteleuropa. Allerdings rannten die Menschen damals nicht wie wir heutzutage schreiend vor Freude vor ihre Haustüre und bewunderten die tanzenden Lichter am Himmel. Warum sollte man sie auch freudig begrüßen, wenn sie doch Unheil ankündigten?
Aber genug von mitteleuropäischen Sichtungen von roten Nordlichtern, schließlich ist es die green lady, die mir in den nördlichen Breiten begegnet ist. Viele Beobachterinnen und Beobachter nennen sie aufgrund ihrer nächtlichen Tänze am Himmelszelt so.
Tromsø liegt etwa 5 000 Kilometer nördlich von Athen und 3 000 Kilometer entfernt von Karlsruhe – also ziemlich weit weg von den antiken und mittelalter­lichen Erscheinungen und Erklärungen der roten Lichter. Diese große Entfernung zum Rest Europas beeinflusste maßgeblich die Geschichtsschreibung. Es gibt nur wenige schriftliche Quellen über die Geschichte Nordnorwegens und somit auch kaum Zeugnisse, die von Nordlichtern berichten. Dafür gibt es jedoch mündlich überlieferte Sagen, die darauf hinweisen, dass die Nordlichter schon immer ein fast alltägliches Phänomen für die Bevölkerung in Nordnorwegen waren.
Die Sámi, ein Volk in Nord-Skandinavien, suchten nach Erklärungen für die grünen und lila Lichter in ihrer Region. Sie schickten bei einer Sichtung ihre Kinder schnell ins Haus, da sie längst verstorbene ­Per-
­sonen als Ursache vermuteten. Auch die Erwachsenen versteckten sich vor den ­grünen Wirbeln am Himmel und warteten, bis die Toten wieder verschwanden. Viele ­Völker des Nordens nahmen außerdem an, dass sie durch die unerklärlichen Lichter Kontakt zu ihren Verstorbenen aufnehmen können. Diese Vorstellung zeigt sich auch noch heute, wenn Kinder den Nordlichtern mit weißen Stofffetzen zuwinken, um sie zu bewegen.
Im Jahre 1716 geschah jedoch etwas, was die weiteren Erklärungsversuche maßgeblich beeinflusste: Am 17. März war ein Polarlicht in ganz Deutschland zu sehen. Die Bevölkerung war beunruhigt und verängstigt. Christian Wolff aus Halle, ein Philosoph der Aufklärung, wollte den Menschen die Angst nehmen. Er hielt eine Vorlesung über die Polarlichter und führte das Phänomen erstmals auf natürliche Vorgänge zurück. Er ging davon aus, dass sich Ausdünstungen aus dem Erdboden entzünden und flammenartige Erscheinungen am Himmel erzeugen. Damit war ein Grundstein gelegt, doch es sollte fast 200 Jahre dauern, bis ausgereifte wissenschaftliche Erklärungen der aurora borealis das Weltbild prägten. In diesem Artikel sei nur so viel gesagt: Sie entsteht, wenn Bestandteile von Sonnenwinden auf die Erdatmosphäre treffen.
Doch eines bleibt: Auch heute noch sind wir fasziniert von Bildern, Videos und Erzählungen über die green lady. Von der ersten dokumentierten Sichtung im Jahre 567 v. Chr. vergingen über 2000 Jahre ohne wissenschaftlich eindeutige Erklärungen. Jahrtausendlange Spekulationen und der Fakt, dass noch immer nicht alle Aspekte des Phänomens aufgeklärt sind, tragen zu unserer noch immer anhaltenden Faszination von Polarlichtern bei.
Inzwischen ist es der 21. November in Tromsø. Seit dem ersten Nordlicht im August habe ich noch unzählige weitere gesehen. Trotzdem ist heute ein ganz besonderer Tag: Die Sonne geht zum letzten Mal in diesem Jahr auf. Dies bedeutet auch, dass ich von der Universität im Dunkeln nach Hause komme, mich direkt danach unter den arktischen Himmel stelle und nach oben blicke. Ich stehe im Schnee, die Beine sind kalt, der Nacken steif und über mir tanzt sie – die green lady. Ich weiß, dass ich keine Angst vor ihr haben muss, trotzdem ergreift sie mich, ohne dass ich sie greifen kann.
Ich kenne die physikalischen Hinter­gründe, trotzdem schaue ich in den Himmel und habe das Gefühl, dass sie auf mich zukommt, dass sie immer tiefer über mir schwebt, mich in ihre grünen Schweife einwickelt und mitnimmt. Erst sehe ich nur einen unbeweglichen grünen Schimmer am Himmel, er wird stärker, bewegt sich irgendwann, wird am Rand lila, füllt den ganzen Himmel aus. Bald wird mein Nacken zu müde, ich lege mich in den Schnee und schaue weiterhin in den Himmel. Ich denke an keine Naturgesetze, bin einfach nur fasziniert. Grüne Streifen, Wirbel, Kreise mit lila Saum fangen mich ein, lassen mich nicht mehr los.

 

*DIE FARBEN DER NORDLICHTER
Violett bis blau: Für diese Farben werden angeregte Stickstoffatome benötigt und dementsprechend eine hohe Solaraktivität. Dies passiert in 150 bis 600 Kilometer Höhe.

Grün: Angeregte Sauerstoffatome treffen in 80 bis 150 Kilometer Höhe auf andere Teilchen. Dabei entsteht grünes Licht. Die grünen Lichter sind im Norden am häufigsten anzutreffen.

Rot: Wenn die Sauerstoffatome nicht auf andere Atome treffen, entsteht rotes Licht. Dies geschieht in 200 Kilometer Höhe. In den gemäßigten Breiten sind die Polarlichter rot, da der Sonnenwind nicht so tief in die Atmosphäre eindringen kann. Die Sichtungen im Süden Europas sind allerdings sehr selten. Auf der Internet­seite www.polarlicht-archiv.de werden Sichtungen aus Deutschland und Mitteleuropa zusammen­getragen.

Unsichtbar und schwarz: Unsichtbar ist das Polarlicht, wenn die Strahlung zu kurz- oder langwellig ist und somit nicht mehr vom menschlichen Auge wahrgenommen werden kann. Das schwarze Polarlicht wird auch als Anti-Polarlicht bezeichnet.

Die Mischung macht’s: Nur selten sind Polarlichter einfarbig. In Nordnorwegen ist es meistens ein Mix aus grünen und violetten Nordlichtern, die über den Himmel tanzen.

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