Foto: Dmitry Pistrov / sutterstock.com

Im Jahr 1948 verlas David Ben Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung. Ein geschichtsträchtiges Ereignis, das die politische, aber auch die wirtschaftliche Situation im Nahen Osten tiefgreifend verändern sollte. Doch wie kam es trotz der denkbar schlechten Voraussetzungen im Wüstenstaat zur Entstehung der sogenannten „Start-Up Nation“? Ein historischer Abriss.

von Tobit Nauheim

Erfindergeist: Von Tröpfchenbewässerung zum Mikrochip

In Israel waren nach der Unabhängigkeit und dem kurz darauffolgenden Krieg die Voraussetzungen für eine Entwicklung nach dem Muster westlicher Industrienationen nicht gegeben. Das Land wurde von seinen Nachbarn boykottiert. Es existierten weder ergiebige Rohstoffvorkommen noch Infrastruktur und hunderttausende Einwanderer aus Europa waren in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu integrieren.

Um die Wirtschaft anzukurbeln und „die Wüste fruchtbar zu machen“, fand zunächst eine Intensivierung der Landwirtschaft und des Bauwesens statt. Die anfänglichen sozialistischen Tendenzen der israelischen Politik stellte man in der Folgezeit zugunsten meist US-amerikanischer Direktinvestitionen zurück. Entscheidend für eine weitere positive Entwicklung war nicht zuletzt das mit der Bundesrepublik geschlossene „Luxemburger Abkommen“ von 1952, durch das Israel insgesamt drei Milliarden D-Mark „Wiedergutmachungszahlungen“ für die nationalsozialistischen Verbrechen erhielt. Schon zu diesem Zeitpunkt ist ein Grundpfeiler israelischer Wirtschaftspolitik erkennbar: Man setzt auf Kapitalinvestitionen aus dem Ausland – vor allem um dem Rohstoffmangel und der regionalen Isolation entgegenzuwirken.

In den 70er und 80er Jahren fand eine Extensivierung des industriellen Sektors statt, vornehmlich in Rüstungs- und Textilindustrie. Auf eine Hyperinflation Mitte der 80er Jahre, die aus weltpolitischen Veränderungen und innenpolitischen Fehlentscheidungen resultierte, folgte ein Stabilisierungsprogramm der Regierung. Dieses beinhaltete eine Liberalisierung und Öffnung des Marktes sowie die Privatisierung staatlicher Betriebe. Diese Deregulierung stellt bis heute neben den Auslandsinvestitionen ein weiteres ökonomisches Leitbild dar.

Der Weg zur Start-Up Nation wurde mit dem sogenannten Yozma-Programm ebenfalls durch die Regierung geebnet. Mit dem Ziel, ausländische Investoren anzuziehen, beteiligte sich der Staat mit 40% an Investments von Risikokapitalfonds, den Venture Capital Funds. Von den enormen Summen an Risikokapital kommt nur ein Bruchteil aus israelischen VC-Funds, das Gros wird aus den USA, Europa und zunehmend aus dem asiatischen Raum investiert. Die globale Integration und der damit verbundene schnelle Zugriff auf ausländisches Kapital stellen bis heute, kombiniert mit dem israelischen Gründergeist, die Grundlage für die vielen Unternehmensgründungen dar. Es zeigt sich, dass Israel in wirtschaftlicher Hinsicht die typischen Entwicklungen des 20. Jahrhundert praktisch übersprungen hat, da der industrielle Sektor nie über längere Zeit bestimmend war.

Nicht zu vernachlässigen ist zudem der Wandel von einem arbeits- hin zu einem wissensintensiven Wirtschaftssystem, der sich in den 90er Jahren vollzog und auch auf die Einwanderung zahlreicher Fachkräfte aus der ehemaligen UdSSR zurückzuführen ist.

Deutsch-Israelische Kooperation

Schon Chaim Weizmann, der erste israelische Staatspräsident, erkannte, dass Intelligenz „der einzige natürliche Rohstoff ist, über den wir verfügen.“ Zahlreiche Universitäten und Institute garantieren, diesen ‚natürlichen Rohstoff‘ zu vermehren. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt gibt Israel mehr Geld für Forschung aus als jedes andere Land der Welt und ein Drittel aller wissenschaftlichen Publikationen werden in Zusammenarbeit mit ausländischen Co-Autoren . Insbesondere die deutsch-israelische Wissenschaftskooperation hat eine lange Geschichte. Nachdem 1952 die „Wiedergutmachungszahlungen“ erfolgten, gelang der Durchbruch auf wissenschaftlicher Ebene 1959, als eine Delegation des deutschen Max-Planck-Instituts vom israelischen Weizmann-Institut eingeladen wurde. Diese Kooperation stellte nicht nur den wissenschaftlichen Austausch sicher, sondern war bedeutend für die spätere Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Durch das damals gestiftete „Minerva“-Programm werden bis heute Projekte gefördert, bei denen Wissenschaftler aus beiden Ländern zusammenarbeiten und Forschungseinrichtungen, „Minerva-Zentren“ genannt, unterhalten. Diese und zahlreiche weitere Programme, wie beispielsweise die Interministerielle Forschungskooperation oder die Deutsch-Israelische Stiftung für Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, richten sich vor allem an junge Wissenschaftler, die entweder vor der Promotion stehen, oder nach Erhalt des Doktorgrads auf internationaler Ebene weiterforschen möchten.

Also: Ab nach Israel?

Könnte ein längerer Abstecher nach Israel also lohnenswert für die Karriere sein? Definitiv! Doch nur, wer eine hohe Qualifizierung, vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich, vorweisen kann, hat wirkliche Chancen auf dem umkämpften Arbeitsmarkt. Zum einen bietet der universitäre Kontext beste Bedingungen, um Grundlagenforschung zu betreiben und eine Zusammenarbeit mit jungen Unternehmen zu initiieren. Zum anderen schafft die Anwesenheit multinationaler Konzerne wie Google oder Apple ein Innovationsklima. Im Gegensatz zu verarbeitenden Industriezweigen bietet die Hochtechnologie den Vorteil, dass sich Unternehmen schneller den wechselnden Bedürfnissen der Kunden und den regionalen Begebenheiten anpassen können. Deshalb gehen Experten davon aus, dass die in Israel entwickelte Technik (besonders Rüstungstechnologie, IT-Sicherheit und Biotechnik) auch in Zukunft richtungsweisend sein wird. Zudem veranlassen die geographischen Bedingungen die Israelis dazu, sich auch in Umweltforschung und Wassermanagement weiterzuentwickeln.

Es gibt jedoch auch unberechenbare Faktoren, die Entwicklung und Forschung vor Probleme stellen könnten. Ein Krieg mit benachbarten Staaten oder dem Iran ist nicht ausgeschlossen. Forschung, Arbeit und langfristige Planungen wären in solch einem Szenario unmöglich. Dazu kommt, dass mit dem rasanten Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung ein großer Teil der Gesellschaft nicht mithalten kann und die soziale Ungleichheit wächst. Auch der anhaltende Konflikt mit den Palästinensern erschwert es, die Zukunft zu prognostizieren. Daher sollte man also nicht vergessen, dass Israel trotz seiner globalen Ausrichtung in der konfliktreichen Region des Nahen Ostens verortet ist.

Herausgeber
fuks e.V. – Geschäftsbereich Karlsruher Transfer
Waldhornstraße 27, 76131 Karlsruhe
Telefon +49 (0) 721 38 42 313
transfer@fuks.org

Urheberrecht:
Alle Rechte vorbehalten. Die Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art sind nur mit Genehmigung der Redaktion und der Autoren statthaft. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Der Karlsruher Transfer erscheint einmal pro Semester und kann von Interessenten kostenlos bezogen werden.

Share
This